Die Ursprünge des Festes Kreuzerhöhung
Für das Kreuz stieg der Kaiser ab
Schauplatz ist das Jahr 325. Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, ist ins Heilige Land gereist. Sie ist Christin und hat mit ihrem Glauben auch ihren Sohn angesteckt. Seit er auf die Fürsprache des Christen-Gottes eine Schlacht gewonnen hat, ist die Christenverfolgung im Römischen Reich vorbei, ja, das Christentum wird nach und nach sogar zur „Staatsreligion“. Jetzt hat Helena, die alte Dame von weit über 70, nur noch einen Wunsch: Sie möchte möglichst viele Orte, an denen Jesus gewirkt hat, sehen und an den wichtigsten Stellen Kirchen errichten: in Betlehem, auf dem Ölberg, in Kafarnaum und natürlich auf Golgota, dort, wo das Kreuz stand und wo ganz in der Nähe Jesu Felsengrab zu finden sein muss.
von Susanne Haverkamp
Helena sucht – und findet. Sie findet das Felsengrab und sogar die drei Kreuze: das Kreuz Jesu und das der beiden Verbrecher, die mit ihm gemartert wurden. Wie sie es fand, darüber gibt es zahlreiche Legenden. Etwa die, dass ein plötzliches Erdbeben der Kaiserin die Stelle, eine verschüttete Zisterne, wies. Und dass sie das richtige Kreuz dadurch fand, dass sie einen Kranken (in anderen Erzählungen einen Toten) die drei Hölzer berühren ließ, bis eines von ihnen Wirkung zeigte.
Wie auch immer: Seit dem Fund durch Kaiserin Helena am 14. September 325 oder 326 war das Kreuz eine der wichtigsten Reliquien der Christenheit. Aufbewahrt wurde der größte Teil in Jerusalem, in einem silbernen Reliquiar. Im Jahr 335 war endlich auch die Grabeskirche fertig. Eingeweiht wurde sie am 13. September und am 14., dem Tag der Wiederauffindung, wurde das Kreuz feierlich dem Volk gezeigt. Hoch wurde es erhoben und von den Gläubigen verehrt – und seitdem war „Kreuzerhöhung“ neben den Kar- und Ostertagen das wichtigste religiöse Fest in Jerusalem. Bis zum Jahr 614. Damals fiel der Perserkönig Chosrau II. mit seinen Truppen in Jerusalem ein. Er zerstörte die Grabeskirche und verschleppte das Kreuzholz zusammen mit dem Bischof Zacharias in die Königsstadt Ktesiphon in der Nähe des heutigen Bagdad.
Das heilige Kreuz in der Hand der Ungläubigen? Die Christen ließen das nicht auf sich sitzen. Im Jahr 628 eroberte der oströmische Kaisers Herakleios das Kreuz zurück und brachte es zuerst in seine Residenzstadt Konstantinopel und dann zurück nach Jerusalem. Die mittelalterliche „Legenda Aurea“ des Dominikaners Jacobus de Voragine erzählt:
„Der Kaiser war bekleidet mit einem golddurchwirkten Ornat, trug auf dem Kopf die Krone Ostroms, und in den Händen hielt er einen silbernen, gold- und edelsteingeschmückten Schrein, die Reliquie des heiligen Kreuzes. Doch vor dem Stadttor stoppte plötzlich der feierliche Zug. Irgendetwas hielt den Kaiser auf, vielleicht ein tiefer, innerer Zweifel, und er sagte zu Zacharias: ‚So hat der Heiland sein Holz nicht auf den Berg getragen!‘ Heraclius stieg von seinem Ross, legte sein Prunkgewand und all seinen Schmuck ab und zog selbst die Schuhe aus. Sein ganzer Hofstaat folgte seinem Beispiel. Barfuß und nur mit weißem Linnen bekleidet durchschritt der Kaiser das Tor und trug das Kreuzholz in die Heilige Stadt, in die wiederaufgebaute Grabeskirche. Dort wurde es feierlich in weihrauchhaltiger Luft ausgestellt, damit die Volksmenge es jubelnd verehren konnte.“
Kreuzverehrung in seiner höchsten Form. Und so feiert es die Ostkirche bis heute, ebenfalls am 14. September, dem Tag der „Wiederauffindung“. Das Kreuz wird hoch erhoben und dann in alle vier Himmelsrichtungen gesenkt: ein Segen für die Menschen und die ganze Welt. In der Ostkirche wird das Kreuz auch von den Gläubigen einzeln verehrt, so wie wir es aus der Karfreitagsliturgie kennen: Jeder kommt nach vorn, berührt das Holz, bekreuzigt sich oder küsst es sogar.
In unserer „Westkirche“ hat sich das Fest der Kreuzerhöhung dagegen ganz anders entwickelt. Dort wird nichts hochgehoben, nichts erhöht, nichts verehrt. Diese Form der „Kreuzerhöhung“ ist bei uns dem Karfreitag vorbehalten. Die liturgischen Texte vom 14. September sprechen deshalb nicht vom Kreuz, sondern von der Erhöhung Christi. Im Evangelium kündigt Jesus diese Erhöhung sogar selbst an, ziemlich am Anfang seines öffentlichen Auftretens. Dass diese Erhöhung „am Kreuz“ stattgefunden hat, davon singt erst der Philipper-Hymnus.
Kreuz-Erhöhung oder Christus-Erhöhung? An der Entwicklung dieses Festes zeigt sich, wie sich Akzente verschieben, wie sie vielleicht auch der Mentalität der Gläubigen angepasst werden. Denn die orientalisch geprägten Ostkirchen konnten mit heiligen Zeichen schon immer mehr anfangen, als die „verkopften“ Westeuropäer. Ihnen war bereits früh klar: Nicht das Holz des Kreuzes ist anbetungswürdig, sondern der Herr, der daran hing. Genauso wie nicht die kupferne Schlange den Israeliten eine magische Heilung vom Schlangenbiss versprach, sondern Gott selbst. Außerdem wuchsen Zweifel, ob Helena wirklich das „wahre Kreuz“ entdeckt und ob die Wiederaufrichtung nach dem Raub der Perser tatsächlich so stattgefunden hat. Nur „Legenden“ zu feiern – das widerspricht vor allem dem neuzeitlichen, aufklärerischen Denken.
Dennoch ist es schade, dass von dem kraftvollen Symbol der „Kreuzerhöhung“ nur noch wenig übrig geblieben ist. Kreuze umgeben die Menschen überall: in der Kirche, zu Hause, am eigenen Hals. Sie sind so normal, dass sie kaum noch auffallen. Einmal im Jahr das Kreuz zu „erhöhen“, könnte den Blick ganz praktisch darauf lenken. Auf das Kreuz und auf die Frage, wie Christen mit ihrem wichtigsten Symbol umgehen.







