Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Für Gott ist nichts unmöglich

Eva-Maria Nolte ist als Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld-Mitte-Ost tätig.

Wo unser Vorstellungsvermögen an Grenzen stößt, ist Gott machtvoll am Werk. 

von Eva-Maria Nolte 

Was wäre, wenn es nur das gäbe, was wir uns vorstellen können? Gut, dass das nicht so ist. Sonst säßen wir vielleicht immer noch in der Steinzeit.

Vor rund 150 Jahren hätte jeder das Funktionieren von Telefon oder Auto für undenkbar erklärt. Und Fliegen war ausschließlich den Vögeln vorbehalten. Internet und Co waren vor nicht mal fünfzig Jahren allenfalls Inhalt von Fantasie und Science Fiction. Wir hätten diese Form der Kommunikation für schlichtweg unmöglich gehalten. Dass das, was damals als undenkbar galt, heute normal ist, zeigt wohl, dass die Wirklichkeit tatsächlich weit größer ist als unser Vorstellungsvermögen.

Schauen wir dabei einmal auf das Wirken Jesu, seine „Zeichen“, etwa die „wunderbare Brotvermehrung“: Tausende wurden satt von dem, was sonst kaum für eine Handvoll Leute gereicht hätte. Am liebsten werden diese und andere Wundergeschichten „eher symbolisch“ gedeutet, weil man sich nicht vorstellen kann, dass so etwas wirklich möglich ist. Also: Was nicht sein kann, das nicht sein darf. 

Aber niemand hingegen zweifelt die Wirklichkeit der „Brotvermehrung“ draußen auf den Feldern an, wo Jahr für Jahr im Zeitraum von ein paar Monaten aus nur einem einzigen Korn eine Ähre mit etwa 50 Körnern oder mehr heranreift. Bedenken wir dabei, dass Brot zum größten Teil aus Mehl gemacht wird, welches aus Getreide gewonnen wird, dann unterscheidet sich die jährliche Körnervermehrung auf dem Feld im Wesentlichen nur noch durch den Zeitfaktor vom Brotwunder Jesu. Und allein von dem ist Gott in seinem Tun gewiss  nicht abhängig. Wieder mal müssen wir erkennen, dass die Wirklichkeit weit mehr bereithält, als unsere begrenzte Vorstellung zu fassen vermag.

Finden wir uns nun mit dem Evangelium von diesem Sonntag bei Maria in Nazaret ein. Sie, eine junge Frau im heiratsfähigen Alter, verlobt (aber eben auch nicht mehr) mit Josef, dem Zimmermann, bekommt Besuch vom Erzengel Gabriel. Er verheißt ihr, dass sie die Auserwählte sei, den Sohn Gottes zur Welt zu bringen. Wie das möglich sein soll, kann auch sie sich nicht vorstellen: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“, fragt sie den Engel. Bemerkenswerterweise scheint sie nicht an der Echtheit des göttlichen Gesandten und seiner Botschaft zu zweifeln. 

Der Engel erklärt ihr nun, dass der Heilige Geist über sie kommen werde. Er hält ihr als Indiz für das Wirken Gottes das Beispiel ihrer Verwandten Elisabet vor Augen, die auch entgegen aller menschlichen Erwartung noch im fortgeschrittenen Alter schwanger geworden ist. Doch auf den Punkt bringt es erst des Engels abschließendes Wort: „Denn für Gott ist nichts unmöglich.“ Jetzt ist jede Erklärung überflüssig, und die ganze Sache wird damit zur reinen Vertrauens- und Glaubensfrage erklärt: Traust du Gott zu, dass er das Unvorstellbare wirklich werden lässt? Maria ist die erste, die vertrauensvoll „ja“ sagt.

Wohl kaum einer damals konnte sich tatsächlich vorstellen, dass und wie Gott Mensch werden konnte. Auch wir heute nicht! Wie auch? Es ist und bleibt ein großes Geheimnis. Also hat er sich selbst vorgestellt als Gott „mit Hand und Fuß“ und Gesicht, als ein Gott zum Anfassen, als einer, der gleichzeitig ohnmächtig ist und doch auch in der Lage, das Unmögliche wahr zu machen, schon lange bevor sich andere leichtfertig durch Slogans anpriesen mit „Geht nicht, gibt’s nicht“ und „Nichts ist unmöglich …“. Ich könnte mir durchaus ein adventliches Werbeplakat mit großen Lettern vorstellen: „Weihnachten – für Gott ist nichts unmöglich!“


22.05.2012
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