Gedanken zum Evangelium
Frische Luft hereinlassen
Hören zu können allein reicht nicht, schreibt Diakon Krüger zum Sonntagsevangelium. Menschen müssten sich dem Wort Gottes auch öffnen.
von Diakon Klaus Krüger
Mit großem Interesse sah ich vor einiger Zeit eine Dokumentation im Fernsehen über eine junge Frau, die von Geburt an taub war und die nach einem komplizierten medizinischen Eingriff zum ersten Mal hören konnte. Auf diesen Tag wurde sie auch psychologisch vorbereitet, denn die erste Übermittlung akustischer Signale an das Gehirn eröffnet keinesfalls spontan eine wunderbare Welt der Töne. Diese Vorbereitung war nötig, denn das „erste Hören“ wurde von Nerven und Gehirn als Schmerz wahrgenommen. Die junge Frau musste das Hören langsam und mühsam lernen. Abgesehen vom medizinischen Fortschritt beeindruckte mich besonders, wie wenig selbstverständlich es ist, mit gesunden Ohren auch „hören“ zu können. Die Leistung des Gehirns ist gewaltig, wenn es das Wirrwarr der Frequenzen differenziert und in Geräusche, Klänge, Stimmen und sogar Sprache übersetzt. Vom Wunder der Musik ganz zu schweigen.
Im Evangelium schenkt Jesus einem Mann die Fähigkeit, hören und sprechen zu können. Wie wenig selbstverständlich diese Fähigkeit ist, zeigt das Beispiel der jungen Frau. Doch das Evangelium geht da einen großen Schritt weiter. Jesus verweist auf unsere Fähigkeit, das Gehörte auch verstehen und annehmen zu können. Er sagt nicht einfach „höre und sprich“. Noch bevor die Ohren des Menschen „funktionieren“, sagt er „Effata – öffne dich“.
Wer sich dem Wort Gottes öffnet, kann dies mit eigenen Worten und mit seinem Leben bezeugen.
Es erscheint dem Herrn allerdings nötig, uns an diese „Fähigkeit“ zu erinnern. Wir sollen nicht nur über das „Hören und Sprechen“ staunen, so wie „die Leute im Evangelium“ oder wie ich vor dem Fernseher. Wir sollen uns „aufmachen“.
Als Johannes der XXIII. das 2. Vatikanische Konzil einberief, soll man ihn nach dem Grund gefragt haben. Er sei daraufhin aufgestanden, habe ein Fenster geöffnet und gesagt: „Damit frische Luft rein kommt!“ Das war für unsere Kirche ein deutliches „Effata“. Allerdings hört man seitdem immer wieder Stimmen, die rufen: „Macht das Fenster zu, es zieht!“
Trotz der „Fähigkeit“ fällt es uns nicht leicht, offen zu sein für Gott. Vieles hören wir, einiges ist nicht leicht zu verstehen, aber manches scheinen wir auch nicht verstehen zu wollen. Im Vaterunser beten wir „Dein Wille geschehe“, neigen aber eher dazu „offen“ zu sein, wenn es um unsere Interessen geht. Zum Beispiel ist unsere Ökumene und nicht nur bei uns Katholiken noch immer nicht ganz „Effata kompatibel“. Dabei handelt es sich dabei „bloß“ um eine interne Angelegenheit der christlichen Kirche. Wie steht es aber um unser christliches Zeugnis in der Welt? Die Zahl derer, denen unser Glaube fremd ist, wächst. Wenn wir nicht offen sind für unseren Auftrag an den Menschen, dann hören wir sie nicht und sprechen nicht ihre Sprache. Wer uns deshalb nur hört, aber nicht versteht, kann entweder „staunen“ oder uns mit Herbert Grönemeyer antworten: „Hör auf mit der Laberei, wir feiern hier ’ne Party und du bist nicht dabei.“ Wir müssen ja nicht gleich Wasser in Wein verwandeln, aber wir müssen offen genug sein, um „dabei“ zu bleiben.
Unser Glaube hat Antworten auch auf die Fragen der Menschen unserer Zeit. Er stößt auch nicht auf taube Ohren, aber wir müssen die Fragen verstehen. Dieses gelingt nicht, wenn wir ängstlich „dicht machen“, unsere „Pfründe“ sichern und Kleinglaube und Argwohn „Party machen“.
Christus öffnet uns einen Glauben auch für die Wirklichkeit der Welt. Wir müssen den Mut haben, ihn zu leben.
Effata – öffne dich.







