Aktuelle Ausgabe
2012-20

Je mehr sich ein Mensch an Gott bindet, desto freier wird er

Freiheit ist ein Ideal und braucht doch einen festen Halt

Die Salvatorianerin Melanie Wolfers (oben), und Andreas Knapp (51) von den Kleinen Brüder vom Evangelium sind Ordensleute. Von ihnen erschien jetzt bei Pattloch: „Glaube der nach Freiheit schmeckt. Eine Einladung an Zweifler und Skeptiker“.

Freiheit braucht Bezugspunkte. Darin sind sich die beiden Ordensleute Melanie Wolfers und Andreas Knapp einig. Denn völlig frei sein, ohne jegliche Anbindung und erst recht ohne Halt, das könne niemand aushalten. Menschen könnten diese Bezugspunkte, die den Rahmen für ihre Freiheit bilden, selbst wählen. Bei manchen sei es dann der Glaube.

von Melanie Wolfers
und Andreas Knapp

Es ist immer wieder ein faszinierendes Schauspiel, wenn auf abgeernteten Feldern, auf Bergkuppen oder am Strand die Drachen steigen. Kinder und Erwachsene freuen sich gleichermaßen daran, die bunt leuchtenden Drachen im Wind tanzen zu sehen. Die am Himmel spielenden Drachen können als Sinnbild der Freiheit dienen: Ja, wenn ich so leicht sein könnte und allem so enthoben wäre wie ein durch die Lüfte tanzender Drache...
Drachen können aber nur dann aufsteigen und ihre leichten Spiele aufführen, wenn sie an einer Schnur sicher gehalten werden. Risse diese Schnur würden sie jäh in die Tiefe stürzen und am Boden zerschellen. Es ist die dünne und kaum sichtbare Schnur, die dem Drachen das freie Spiel in der Luft ermöglicht. Auch unsere menschliche Freiheit braucht einen festen Bezugspunkt. Es gibt keine „absolute“, das heißt: von allem „losgelöste“ Freiheit. Bindung und Freiheit bedingen sich gegenseitig. Immer ist ein Halt notwendig, damit Freiheit sich entfalten kann. Wenn beispielsweise einem Kind in den frühen Lebensjahren eine verlässliche und zugewandte Bezugsperson fehlt, kann es nur schwer eine stabile Identität aufbauen. Es gewinnt emotional keinen festen Boden unter den Füßen. Umgekehrt kann ein Kind sorglos und gelöst spielen, wenn es erfährt, dass es von seinen Eltern geliebt wird. Junge Menschen können ihren eigenen Weg suchen und sich entfalten, wenn sie um den Rückhalt wissen, den ihnen zum Beispiel das Elternhaus bietet.
Es gehört zur Freiheit des Menschen, diesen Bezugspunkt selbst zu wählen. Ein anderer Mensch, Erfolg oder Anerkennung, Besitz oder eine bestimmte Aufgabe, Wissen oder eine technische Fähigkeit, all dies können Fixpunkte werden, die dem eigenen Ich Stabilität verleihen. Doch sie können immer nur einen begrenzten Rückhalt geben. Weil aber das Bedürfnis des Menschen nach einem zuverlässigen Halt unbegrenzt ist, klammert er sich bisweilen umso mehr an Personen oder Dinge. Dadurch überfordert er sie. Es droht sogar die Gefahr, dass die Beziehung, die Halt geben sollte, einen festhält und unfrei macht. Je mehr man sich dann an eine Person oder an eine Aufgabe bindet, umso weniger können wir noch ohne sie leben. Wir werden abhängig und sogar süchtig. Die Schnur, die uns Halt geben sollte, wird zur Fessel.
Der Durst nach einem letzten Halt, der uns zugleich eine wachsende Freiheit schenkt, kann sich nur an Gott wenden. Denn Gott ist Schöpfer aller Dinge und Ursprung der Freiheit in einem. Gott allein kann uns einen „absoluten“ Halt bieten. Dieses „Sich-fest-machen“ in Gott ist nichts anderes als glauben. Das hebräische Wort für „glauben“ heißt emin und bedeutet: einen Halt haben, sich festmachen, sich verankern. Amán ist der feste Boden, in dem die Nomaden ihre Pflöcke einrammten, um die Zeltschnüre daran zu befestigen. Das „Amen“ stammt aus derselben Sprachwurzel und meint: „Darauf kann ich mich verlassen!“
Es ist der Kern der biblischen Glaubenserfahrung, dass Gott allein den letzten, absoluten Rückhalt geben kann. Er kann Halt geben, ohne festzuhalten. Wer jedoch „Götzen“ anbetet wie etwa Besitz, Karriere oder einen anderen Menschen, der wird dadurch abhängig. Er braucht das andere immer mehr, um er selber zu sein und verliert so seine Freiheit.
Je mehr sich aber ein Mensch an Gott bindet, umso freier wird er. Ob ein Mensch also wirklich an Gott glaubt, wird darin spürbar, ob er in seiner Freiheit wächst und die Freiheit der anderen fördert und verteidigt. Freiheit erweist sich nicht zuletzt in der Fähigkeit freizugeben und loszulassen. Je mehr Gott der eigentliche Halt des Lebens ist, umso freier kann sich jemand von Besitz trennen, können Eltern ihre Kinder gehen lassen, können Pläne, Träume und Projekte scheitern, ohne dass man gleich „abstürzt“. In Gott verwurzelt können wir uns von vielem verabschieden, wenn die Zeit dazu reif ist, ohne Verlustängste oder Trennungsschmerz. Wer sich ganz auf Gott verlässt und sein Herz nur an ihn hängt, dem schenkt diese „Abhängigkeit“ einen Halt, der ihm in allen anderen Beziehungen eine große Freiheit ermöglicht – so wie die Schnur dem Drachen das freie Spiel im Wind erlaubt.


22.05.2012
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