Aktuelle Ausgabe
2012-5

Kommentar

Fast schon wieder vergessen

von Andreas Wiedenhaus 

Die Erdbebenkatstrophe, die auf der Karibikinsel Haiti Anfang des Jahres etwa 230 000 Menschen das Leben kostete und alles verwüstete, gerät zusehends in Vergessenheit. Medial haben ihr andere Ereignisse längst den Rang abgelaufen: Die Katastrophe bei der Love-Parade, die Ölpest im Golf von Mexiko – vieles ist in der Zwischenzeit passiert, das die Aufmerksamkeit der Medien und damit der Menschen auf sich gezogen hat.

Der Leiter des Hauptstadtbistums der Insel, Weihbischof Joseph Lafontant, hat jetzt in einem Interview die Lage in dem Karibikstaat geschildert und dabei deutlich gemacht, dass der angestrebte Wiederaufbau in den meisten Bereichen noch gar nicht begonnen hat. Seit Monaten werde auf der Stelle getreten, nichts gehe voran. Die Tatsache, dass die Regenzeit jetzt begonnen hat, macht die Situation für die unzähligen Menschen, die in Zelten und Notlagern leben, noch dramatischer.

Appelle wie der von Weihbischof Lafontant finden nur begrenzt Gehör, die Journalisten sind längst weitergezogen. Das ist bedauerlich, aber wohl kaum zu ändern. Zu befürchten ist allerdings zusätzlich, dass angesichts der fehlenden Aufmerksamkeit viele Spenden und Hilfsgelder die eigentlichen Adressaten kaum noch erreichen und stattdessen in dunklen Kanälen landen. Da können auch die kirchlichen Hilfswerke, die der Weihbischof ausdrücklich für ihre Arbeit lobte, nichts ändern.

Mag vieles in Haiti kaum noch wiederzuerkennen sein, die Korruption, die auf der Insel seit Jahrzehnten blühte, dürfte auch die Erdbebenkatas-trophe unbeschadet überstanden haben.


05.02.2012
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