Philippinische Bauern begegnen dem Klimawandel mit neuer Strategie
Eunies Plan vom besseren Leben
Das Wetter schlägt Kapriolen – nicht nur diesen Winter in Deutschland. In vielen Regionen der Welt führen unerwartete Dürren oder ungewöhnlich hohe Niederschläge zu Naturkatastrophen. Am schlimmsten trifft es meist arme Bauernfamilien in den Entwicklungsländern. Landwirte auf den Philippinen suchen nach neuen – und doch altbewährten – Wegen.
Text: Nina Brodbeck
Fotos: Achim Pohl
„Der ist verrückt geworden“, tuschelten die Leute im Dorf, als Eugenio Geraldo vor elf Jahren anfing, seinen Hof auf nachhaltige Landwirtschaft umzustellen. Heute folgen viele in dem philippinischen Dörfchen Tumigbong seinem Beispiel.
Wie ein Vogelnest hängt die Hütte zwischen Kokospalmen und Bambussträuchern über einem kleinen Fluss. Sonnenlicht fällt durch die Lücken der Holzwände auf einen großen Tisch. Um ihn herum sitzen fünf Männer und schauen auf Eugenio Geraldo, der vorn an der Tafel steht. Eunie, wie der 45-Jährige von allen hier genannt wird, ist ein schmaler Mann mit traurigen Augen. „Pahina“ schreibt er an die Tafel und darunter „Alayon“.
Die Männer nicken. Sie wissen, was er damit meint. Die Hütte zum Beispiel, in der sie gerade sitzen, haben sie gemeinsam gebaut, damit sie einen Versammlungsraum haben. Das bedeutet in ihrer Sprache „Pahina“ – etwas, das man unentgeltlich zum Wohle der Gemeinschaft tut. Nachher werden sie auf dem Reisfeld von Pepe Aqanac arbeiten – gemeinsam für ein Mitglied ihrer Gruppe, das ist „Alayon“. Beides war in Eunies Dorf Tumigbong während der sogenannten Grünen Revolution in den 1960er Jahren in Vergessenheit geraten.
Um die Armut zu bekämpfen, trieb die philippinische Regierung damals den flächendeckenden Anbau von Reis-Hochertragssorten voran, die jedoch den Einsatz von teuren künstlichen Düngemitteln und chemischen Pflanzenschutzmitteln notwendig machten. Viele Kleinbauern verschuldeten sich deshalb und stürzten noch tiefer in die Armut. „Seitdem geht es nur noch um Ertragssteigerung und Abzahlungen, jeder schuftet allein vor sich hin“, erzählt Pepe Aqanac, ein Bauer, der mit seinem tarnfarbenen Hemd und dem Tuch um den Kopf wie ein Guerillakämpfer aussieht. „Die Gemeinschaftsarbeit, die eigentlich tief in unserer Kultur verankert war, blieb auf der Strecke.“
Dazu machten die Monokulturen der bisher auf den Philippinen üblichen Mischlandwirtschaft den Garaus. Dank Eugenio ist die Artenvielfalt auf die Felder von Tumigbong, in den Bergen der philippinischen Insel Mindanao zurückgekehrt – genauso wie „Pahina“ und „Alayon“.
„1999 habe ich einen Kurs bei Masipag besucht, bei dem ich viel über organische Landwirtschaft, nachhaltige Anbaumethoden und Sortenvielfalt gelernt habe“, erklärt der Bauer. „Ich wusste sofort, dass ich damit endlich eine Chance habe, unser Leben zu verbessern.“
Masipag ist ein nationales Netzwerk von Bauerngruppen, Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen, das seit 20 Jahren besteht und von dem Bischöflichen Hilfswerk Misereor unterstützt wird. Gemeinsam mit Agrarexperten haben die nun organisierten Bauern ein hoch produktives, umweltverträgliches und diversifiziertes landwirtschaftliches System entwickelt, das ihnen ein regelmäßiges Einkommen und Ernährungssicherheit gewährleistet. Das neue Netzwerk setzt auf Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit; wie in Tumigbong haben sich überall auf den Philippinen Bauernfamilien in lokalen Gruppen organisiert – mittlerweile sind es mehr als 30000.
Begeistert von dem Training wollte Eunie das Gelernte möglichst schnell in die Tat umsetzen. Er grub Löcher für die Fischteiche, baute Ställe für die Tiere, experimentierte mit Zucker, Blättern und Früchten, um Biodünger herzustellen – und überforderte sich heillos. „Eunie, Du brauchst einen Plan“, redete ihm schließlich seine Frau Apolinaria ins Gewissen.
„Und Hilfe.“ Von da an packten die Geraldos – Eunie, Apolinaria und ihre fünf Kinder – gemeinsam an. Pahina nach Familienart. Die damals elfjährige Yunilyn malte den ersten Anbauplan auf ein Stück Pappe. So sollte sie in fünf Jahren aussehen, die Farm: mit großen Feldern, auf denen Kokospalmen, Kakao, Gemüse, Früchte und natürlich Reis wachsen, mit Ställen für die Tiere und mehreren Fischteichen.
In die Mitte des Plans zeichnete Yunilyn das Haus. Groß und stabil, damit die ganze Familie darin Platz hat – ein Businessplan auf philippinisch.
Während Eunie erzählt, hat es zu regnen begonnen. Binnen Minuten verwandelt sich der kleine Fluss unterhalb ihrer Hütte in einen reißenden Strom. Seit einigen Jahren beobachten die Bauern mit wachsender Besorgnis, dass durch den Klimawandel die einzelnen Regenfälle immer mehr an Stärke zunehmen. An einem einzigen Tag kommt oft mehr Wasser vom Himmel als früher in einem ganzen Monat. Folgen sind Erosion, Erdrutsche und zerstörte Ernten.
Wann der Regen kommt? Auch das lässt sich immer weniger einschätzen. Manchmal fallen in der eigentlichen Regenzeit nur ein paar Tropfen, dafür gießt es dann während der Trockenperiode in Strömen. Die Wetterkapriolen und ihre Folgen sind für die armen Kleinbauern eine Katastrophe. Denn wer nichts ernten kann, kann nichts verkaufen und muss im schlimmsten Fall hungern.
Vor allem in den Küstengebieten leiden die Menschen zudem unter immer heftiger wütenden Taifunen. Flutwellen überschwemmen die Ufer und rauben den Bauern mehr und mehr fruchtbaren Boden. Weil durch den Klimawandel der Meeresspiegel ansteigt, dringt Salzwasser über die Entwässerungskanäle auch in die Felder, die weit vom Meer entfernt liegen.
Seit Eunie Geraldo nach der Masipag-Methode wirtschaftet, machen ihm die zerstörerischen Folgen des Klimawandels weit weniger Angst als früher. „Selbst wenn meine Felder durch einen Erdrutsch oder einen Taifun zerstört werden, hab ich immer noch meine Tiere, die ich auf dem Markt verkaufen und so überleben kann.“ „Bank im Hinterhof“ nennen die Masipag- Netzwerker diese Form der Absicherung.
Auch um das Saatgut muss sich der Bauer keine Sorgen mehr machen. Statt auf Hybridreis, der für teures Geld gekauft werden muss, haben die Bauern traditionelle Reissorten wiederentdeckt, die besser an die lokalen Bedingungen angepasst und deswegen viel widerstandsfähiger sind als die Hochertragssorten der Indus-trie. Dieses Saatgut wird gesammelt, getauscht und verschenkt. Überall im Land haben die Bäuerinnen und Bauern Genbanken angelegt. Sollte es durch Taifune oder Dürren zu Ernteausfällen kommen, können sie auf die dort gelagerten Reis- und Maissamen zurückgreifen. Und: Die Bauern sind selbst zu Züchtern geworden. Jede Gruppe hat ihr eigenes Versuchsfeld, auf dem sie die neuen Sorten aussäen und testen. Auf Luzon etwa gibt es erste Zuchterfolge mit Reispflanzen, die sogar Salzwasser vertragen.
Im Dörfchen Tumigbong haben die Bauern mittlerweile ihre Pläne geändert. Statt auf Rockys Acker, der durch den Regen zu schlammig geworden ist, werden sie auf Eunies Reisfeld arbeiten. Der Weg zu seinem Hof führt mitten durch einen kleinen Bach und dann auf Trampelpfaden querfeldein. Diese Abgeschiedenheit hat Eunies Frau Apolinaria das Leben gekostet. Fern von jeder medizinischen Versorgung starb sie vor fünf Jahren bei der Geburt ihres sechsten Kindes. „Ich wusste nicht, wie ich weiterleben sollte“, gesteht Eunie. „Sie war doch meine Stütze, meine Schatzmeisterin.“
Von der Veranda vor der bescheidenen Hütte winkt seine Tochter Yunilyn. Sie hält ein kleines Mädchen im Arm – Lourdes, sein sechstes Kind, das die Geburt wie durch ein Wunder überlebte. Eunie winkt zurück, sein Gesicht hellt sich auf. „Aber wir wissen ja nicht, was Gott mit uns vorhat“, fügt er leise hinzu. „Deshalb darf man sich doch nicht das Leben nehmen.“ Statt dessen gewinnt Eunie Kraft durch das Gebet – er liest jeden Tag in der Bibel. Eine Stelle ist ihm besonders wichtig: „Alles hat seine Zeit“, zitiert er. „Pflanzen hat seine Zeit und Ernten hat seine Zeit; Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit.“ Und er ergänzt: „Nach der Trauer hoffe ich nun auf die Zeit der Freude.“
Also machte er weiter im Plan, so schwer es auch fiel. Seine „Bank im Hinterhof“ erwies sich als wahrer Segen: Von dem Geld, das er für Hühner und Enten bekam, konnte er die Milch für den Säugling bezahlen. Heute kann er stolz sein – auf das saftiggrüne Reisfeld vor seinem Haus, auf das Biodüngesystem, das er entwickelt hat, auf die beiden Fischteiche, in denen leuchtendpink die Lotusblumen blühen, auf alles, was er und seine Kinder gemeinsam geschaffen haben.
Barfuß waten Rocky und die anderen auf Eunies Reisfeld durchs knöcheltiefe Wasser. Mit selbstgebauten Gerätschaften lockern sie den Boden auf und entfernen das Unkraut. Unter ihnen ist auch Giovanni Taban – ein Junge aus dem Dorf, schmächtig für seine 15 Jahre, mit dünnen Kinderarmen und kräftigen Männerhänden. Giovanni bewundert die Männer von der Masipag-Gruppe. Genauso ein Bauer möchte er mal werden.
Vor ein paar Monaten hat Eunie ihm gezeigt, wie man Reis züchtet. Seine erste Kreuzung nennt Giovanni ‚JAG‘. „Das J steht für JDC. Das ist die eine Sorte, die ich für die Kreuzung verwendet habe“, erklärt er fachmännisch. „Diesen Reis mag ich, weil er nicht so hoch wächst und deshalb nicht so leicht von den Stürmen zerstört werden kann.“ Hinter dem A verbirgt sich Apolinaria, eine Sorte, die Eunie gezüchtet und nach seiner verstorbenen Frau benannt hat. „Apolinaria hat ein schönes rundes Korn und eine mittlere Wuchsgröße“, weiß Giovanni. „Ihre langen Fruchtständer versprechen eine gute Ernte.“ Und das G? Ganz klar, das steht für Giovanni selbst. Im nächsten Oktober wollen die Bauern ‚JAG‘ zum ersten Mal auf ihrem Versuchsfeld aussäen. Ein Schritt in die Zukunft, nicht nur für Giovanni.







