Gedanken zum Evangelium
Es werden Netze geknüpft
Wer sich von Jesus ansprechen lässt, wird herausgeholt aus der Routine des Alltags. Zugleich aber darf er der bleiben, der er ist. So deutet der Dortmunder Pfarrer Reinhard Bürger das Evangelium von der Berufung der ersten Jünger.
von Reinhard Bürger
In großen Menschenmengen tue ich mich schwer, wenn ich niemanden kenne. Wen soll ich ansprechen? Wie finde ich ein Thema? Was ist, wenn ich abblitze? Es gibt andere, denen fällt es spürbar leichter, auf andere zuzugehen, ein Gespräch zu eröffnen, an-sprechend zu sein. Viele gute Beziehungen, die ich heute habe, verdanke ich der Tatsache, dass andere auf mich zugekommen sind. Ich weiß aber von mir auch, dass ich mich schlecht ansprechen lasse, wenn ich innerlich mit etwas anderem beschäftigt bin. Es sind dann andere Themen oder Personen, die mich beschäftigen, sodass ich „zu“ bin, verschlossen für etwas Neues. Genauso gibt es die Situationen, wo ich neugierig bin, hungrig nach Neuem.
Eine solche Situation wird am See von Galiläa beschrieben. Einige Fischer, die dort mit ihren Booten und den Netzen beschäftigt sind, werden von einem Fremden angesprochen. Es wird ganz knapp beschrieben, wie eine Beziehung entsteht zwischen dem herumziehenden Wanderprediger und den bodenständigen Kleinunternehmern. Offensichtlich ist dieser Prediger Jesus so ansprechend, dass es zwischen ihnen „funkt“. Er redet nicht über ihre Köpfe hinweg, er bedrängt sie auch nicht so, dass sie in eine Abwehrhaltung gehen. Er trifft wohl ihre Wellenlänge. Es scheint so, als hätten sie auf ihn gewartet: endlich einer, der sie herausholt aus der Routine des Alltags; der ihren Lebenshunger erkennt und sie daraufhin anspricht. Sie können diesen Hunger längst nicht mehr mit den Fischen stillen, die ihnen jeden Tag ins Netz gehen. Sie spüren, dass sie andere Netze knüpfen müssen.
Da werden die ersten Maschen eines neuen Netzes geknüpft, zwischen den zwei Brüderpaaren und dem Prediger Jesus. Dieses Neue ist markiert durch den starken Satz, dass das Reich Gottes nahe gekommen ist. Eine einladende, positive, herausfordernde Botschaft wird hier formuliert. Selbst die Forderung nach Umkehr ist mitreißend – Evangelium im ursprünglichen Sinn des Wortes.
Es ist auch heute gar nicht so selten, dass solche neuen Netze entstehen. Einige Elternpaare treffen sich, um die Taufe ihrer Kinder vorzubereiten. Erst schüchtern noch, jeder für sich, hoffentlich geht’s schnell … Aber dann werden sie vertraut miteinander, sie kommen ins Gespräch, entdecken gemeinsame Fragen.
Oder die Firmbewerber, die bei der monatlichen Hauskommunion mitgehen, den Sonntagsgottesdienst mit vorbereiten, die bei Aktionen mit anpacken und den Katecheten später beim Pizzaessen Löcher in den Bauch fragen, nach Gott und der Welt. Auch da werden neue Netze geknüpft.
Aus Fischern werden Menschenfischer: ein genialer Schachzug. Jeder darf der bleiben, der er ist. Gleichzeitig wird etwas Neues aus ihm. Wer sich auf die Beziehung mit Jesus einlässt, muss keine Angst haben, seine Persönlichkeit zu verlieren. Er darf gleichzeitig darauf hoffen, dass er verändert wird, wachsen und reifen kann, nicht stehen bleibt. Manche Menschen ahnen kaum, welche Möglichkeiten in ihnen stecken. „Nie hätte ich gedacht, dass ich mal vor anderen Leuten frei sprechen kann!“ „Ich wusste gar nicht, dass es so gut ist, über den Glauben ins Gespräch zu kommen!“ „Es ist so spannend, vom Leben zu erzählen, ich merke erst jetzt, wie reich mein Leben ist.“
Menschen, die mit dem Evangelium leben, sind ansprechend und ansprechbar. Sie bringen die unterschiedlichen Menschen dazu, Beziehungen aufzunehmen. Sie entwickeln ein Gespür dafür, wann die Zeit dafür gekommen ist. Sie wissen: Gottes Reich ist schon heute da, wo der Lebenshunger sie motiviert, sich mit Jesus und seiner Botschaft zu vernetzen.







