Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Erwartungsvoll leben

Schwester Ancilla Ernstberger vom Michaelskloster in Paderborn

Indem sich Jesus von Johannes taufen lässt, solidarisiert er sich mit dem Volk. Genauso will er auch uns heute nahe sein, versichert Schwester Ancilla Ernstberger.

von Schwester Ancilla

Das Fest der „Taufe des Herrn“ schließt den weihnachtlichen Festkreis und markiert als erster Sonntag der „Zeit im Jahreskreis“ die Schwelle in den liturgischen Alltag. Erst vor ein paar Wochen hat der Advent mit Johannes dem Täufer konfrontiert und mahnte die Liturgie zu einer Haltung wachsamer Erwartung des Herrn, galt es, sich auf das Kommen des Herrn vorzubereiten, ihm die Wege zu bereiten. Nun greift das Evangelium nach Lukas im 3. Kapitel dieses Theama auf und erzählt von der Volksmenge um Johannes, die sich voller Erwartung nach dem Messias sehnt, „im Stillen“ Johannes selbst schon als Messias wähnt, was Johannes aber schnell zerstreut, indem er auf denjenigen verweist, der mit „Heiligem Geist und mit Feuer taufen“ wird.
Der Evangelienabschnitt leitet über zu dem, was demnächst für den Alltag bleibt: Es ist die „stille“, innerliche Erwartung auf den Messias. Dann ist die Rede vom Volk, in das sich Jesus einreiht, um sich wie alle anderen Menschen taufen zu lassen. Der Jordan als das tiefst gelegene Gebiet der Erde ist der Ort des Taufgeschehens, schließlich ist die Stimme aus dem Himmel zu vernehmen – all das schildert Lukas ohne großartiges Pathos. Dennoch, wie die Menschen am Jordan mehr erwarteten, als nur im Wasser des Jordan unterzutauchen, um die Bußtaufe des Johannes zu empfangen, so darf jeder getaufte Christ mehr er-warten als eine äußerliche Reinigung und die Befreiung von der Erbschuld. Es fragt sich, ob wir in unserer Zeit noch etwas davon erwarten, was uns mit der Taufe zugesprochen wurde. Erhoffen wir aufgrund unseres Getauftseins mehr vom Leben, als was uns die Bewältigung des normalen Alltags abverlangt? Die „Taufe des Herrn“ lässt aufmerken, sie setzt das Vorzeichen vor das neue Jahr: Der Glaube soll sich im Alltäglichen bewähren und soll in die Blickrichtung zum Vater einüben.
Jesus solidarisiert sich durch die eigene Taufe mit seinem Volk und ist auch heute mit den Menschen solidarisch. Er ist bereits hinabgestiegen, wenn wir am Boden liegen oder am Nullpunkt angelangt sind und uns Ängste, Trauer und Leid überfluten. Weil er den Menschen in Ausweglosigkeit nicht fern bleibt, kann jeder den Blick nach oben wagen.
Es ist für die Aussageabsicht entscheidend, wann sich der Himmel öffnet und die Stimme des Vaters zu hören ist: „Während er betete“ geschieht es, da erfährt Jesus die persönliche Annahme durch den Vater: „Du bist mein geliebter Sohn“. Es ist nicht seine eigene Anstrengung oder Leistung, woraufhin Jesus als von Gott geliebt angeredet wird. Während des Betens öffnet sich der Himmel. Dabei sollte das Beten nicht dahin gehend missverstanden werden, als ließe sich durch ein paar wohlgesetzte Worte die Öffnung des Himmels herbeiführen. Im Beten öffnet sich der Mensch zunächst Gott, vertraut er sich ihm an, setzt sich ihm aus mit all seinen guten und schlechten Seiten, mit seinen Stärken und Schwächen, mit dem Vorzeigbaren und mit dem, was wir vor anderen Menschen manchmal lieber verbergen. Jeder ist in der eigenen Taufe als Gottes geliebtes Kind angenommen worden. Ob wir auch immer in diesem Bewusstsein leben, was mit ihr geschenkt worden ist, ist fraglich.
Im Laufe eines Jahres überhaupt legen sich manche Begebenheiten des Alltags wie ein Firnis auf die Seele und lassen vergessen, unter welcher Gnade wir stehen. Trainieren wir unseren Erwartungshorizont auf mehr als das Wahrscheinliche, lenken wir den Blick über das Machbare hinaus und öffnen wir uns so dem Herrn, der in unser Leben eintauchen und uns Tiefgang verleihen will.


22.05.2012
Impressum | Kontakt
4002