Aktuelle Ausgabe
2012-20

Warum die Bedürfnisse der Menschen für die Pastoral unverzichtbar sind

Erfahrungen neu buchstabieren

Erich Garhammer studierte in Regensburg Theologie und Germanistik. Nach dem Staatsexamen und dem Diplom begann der Geistliche seine pastorale Praxis in der Diözese Passau.

„Pastoral ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Menschen ist zum Scheitern verurteilt“, schreibt Professor Erich Garhammer in seinem Gastbeitrag für den DOM. Seiner Meinung nach muss die Pastoral sensibler werden für die Bedürfnisse der Menschen. Der christliche Glaube muss mit den „Menschen von heute neu entdeckt werden“.

Aufbrüche in Neuland hat es im Laufe der Christentumsgeschichte von Anfang an gegeben. Der Evangelist Lukas beginnt sein Evangelium mit folgenden Sätzen:
„Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat … Nun habe ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben.“ (Lk 1,1.3).  Ähnlich wie für Lukas ist es auch für uns heute notwendig, den christlichen Glauben neu zu buchstabieren und mit den Menschen von heute neu zu entdecken. Gerade die Sinus-Mileu-Studie macht deutlich, wie viele Gottsuchende es in den jeweiligen Milieus gibt und welche Chance, aber auch Herausforderung es darstellt, das Evangelium mit ihnen zusammen neu zu entdecken.
Die Ergebnisse der Sinus-Milieu-Studie versetzen zunächst in heilsames Erschrecken: Moderne Milieus können mit der Kirche am wenigsten anfangen. Bestimmte Milieus kommen innerkirchlich (auch unter Mitarbeitern) nicht mehr vor. Freude und Hoffnung, Trauer und Angst dieser Menschen werden innerkirchlich nicht mehr kommuniziert. Solche Kommunikationsabbrüche steigern die gegenseitigen Vorurteile und führen zu noch größeren Distanzierungen.
Für eine milieusensible Pastoral braucht es daher eine Theologie, die keine Angst vor der Empirie hat, ästhetisch sprach- und ausdrucksfähig ist und eine pastorale Exegese des Alltags der Menschen von heute zu leisten vermag.
Eine milieusensible Pastoral läuft nicht in die Falle einer „Marktförmigkeit“ von Kirche, wenn sie folgende pastorale Klugheitsregeln beachtet: Vielfalt ermöglichen und wertschätzen und dadurch die Einheit in Vielfalt fördern.
Das kreative Potential der Gegenwart entdecken und es mit dem Bilderreichtum der eigenen Tradition in Austausch bringen.
Selbstgewählte Ghettosituationen erkennen und aufbrechen und die win-win-Situation durch die Integration der Außenperspektive beherzigen.
Den Traditionalismus der eigenen Traditionen aufdecken und das Eigene neu übersetzen lernen und es neu von den Menschen von heute übersetzen lassen.
Eine solche Pastoral weiß darum, dass Milieustudien nicht „unschuldig“ sind, sondern ein „Bedürfniserhebungsdesign“ aufweisen, um Kaufwünsche von Kunden zu ermitteln. Pastoraloptionen sind keine Befriedigungen von Kundenbedürfnissen, aber Pastoral ohne Rücksicht auf  die Bedürfnisse der Menschen von heute ist zum Scheitern verurteilt.
Seit dem 2. Vatikanischen Konzil hat die Kirche an sich selber ein „Bedürfniserhebungsdesign“ entdeckt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“
Die Kirche lebt demnach von einem zweifachen Widerhall, von einer doppelten Resonanzfähigkeit: Zum einen ist die Kirche der Ort der Resonanz für die österliche Auferstehungswirklichkeit: „Töne wider, heilige Halle“ – so erklingt es Jahr für Jahr im österlichen Exsultet. Bei allen Milieudifferenzen ist dies eine Verwiesenheit auf eine durch keine Ästhetik herstellbare Wirklichkeit, auf eine unhintergehbare Grunderfahrung: Gott hat immer an Menschen gehandelt und er handelt auch heute an und mit ihnen.
Zum anderen aber ist die Kirche auch der Resonanzboden für die menschlichen Erfahrungen von Auferstehung und ihrer Behinderung. Sie müssen ebenso ihren Widerhall im Raum der Kirche finden, wie die Pastoralkonstitution im ersten Kapitel festhält. Die „österliche Resonanzpflicht“ ist seit zwei Jahrtausenden für die Kirche eine Selbstverständlichkeit, die „pastorale Resonanzpflicht“ der Erfahrungen der Menschen gilt es von Generation zu Generation neu zu buchstabieren. Die Sinus-Milieu-Studie trägt zu dieser Alphabetisierung in der heutigen Zeit bei und ist neuer Anstoß für eine längst fällige milieusensible Pastoral. Kirche braucht keine Angst zu haben vor den Bedürfnissen der Menschen.
Professor Erich Garhammer


22.05.2012
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