Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Er zeigt seine Wunden

Propst Dr. Achim Funder,Leiter des Pastoralverbundes Arnsberg-Wedinghausen,Klosterstr. 20, 59821 Arnsberg

Der Auferstehungsglaube darf nicht abgehoben sein. Thomas hat Recht mit seinem Zweifel. Erst wo wir dem Auferstandenen auch mit seinen Wundmalen begegnen, wird unser Glaube echt und tief. So legt Propst Achim Funder aus Arnsberg die Thomas-Geschichte aus.

von Achim Funder

Es ist schon seltsam. Nicht nur nach dem liturgischen Kalender, zwischen Osternacht und Weißem Sonntag, sondern auch nach dem Text des Evangeliums ist eine volle Woche verstrichen. Da ist es mehr als merkwürdig, dass sich so gar nichts verändert hat. Auch nach acht Tagen sind die Türen noch verschlossen.
Nach dem Johannesevangelium findet Pfingsten schon am Ostermorgen statt. Bereits dort werden die Jünger mit dem Geist ausgestattet und gesandt. Der Auferstandene hatte sie angehaucht, ihnen den Heiligen Geist gegeben und Vollmacht.
Warum also sind die Jünger acht Tage später immer noch „bei verschlossenen Türen“ anzutreffen?
Offensichtlich war die erste Begegnung mit dem Auferstandenen noch nicht der Durchbruch. Etwas musste noch kommen, etwas musste den Glauben der Jünger anstoßen, damit diese ihrerseits  die Türen und Fenster aufstoßen konnten.
Nicht etwas fehlte, sondern einer: Thomas fehlte. Thomas ist der Jünger, der nach den Wundmalen fragt. Er kann die Auferstehung nicht abseits des Kreuzes und der Wunden begreifen. Sein Glaube fragt nach Auferstehung mitten in den Leiden dieser Welt.
Sein Zweifel an einem abgehobenen Glauben erst stößt die Türen auf und überwindet die Furcht der anderen. Darin ist er der Zwillingsbruder Jesu.
Das Evangelium endet ausdrücklich mit einem „open end“. Es ist keine abgeschlossene Erzählung der Begegnung mit dem Auferstandenen, sondern verweist auf das Fortdauern der Begegnung. „Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind“, vermerkt der Evangelist. Damit zieht er eine Linie aus, die bis zu uns reicht.
Oft genug hat Jesus uns darauf hingewiesen, dass unsere Begegnung mit ihm abhängig ist davon, ob es uns gelingt, dem Menschen zu begegnen, mit dem wir unsere Welt und unsere Zeit teilen. Und hier noch einmal besonders: Wir begegnen Christus dort, wo wir dem verwundeten Menschen begegnen, wo wir die Wunden nicht zudecken, sondern unseren Finger auf sie legen wollen.
Damit ist unsere Kirche mit hineingenommen in die Möglichkeit der Begegnung, in die Verheißung des Geistes und in die Sendung. Denn Thomas ist uns menschlich und als Apostel diesen Weg vorangegangen. Er hat an einem Auferstandenen, der so ganz über den Dingen schwebt, gezweifelt. Wo Gott aber die Wunden der Welt an seinem eigenen Leib trägt, dort kann auch Thomas glauben und bekennen.


22.05.2012
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