Aktuelle Ausgabe
2012-5

Eine umstrittene Gleichnisgeschichte

Er lief seinem Sohn entgegen …

Die Geschichte beginnt vor fast 50 Jahren. Der Seniorchef eines Weltunternehmens – nennen wir ihn „Vater“ – rief seine Geschäftsführer zusammen – nennen wir sie „Söhne“. „Unser Unternehmen ist in die Jahre gekommen“, verkündete er. „Wir müssen die Fenster öffnen und frischen Wind hereinlassen, wenn wir in Zukunft bestehen wollen.“ Viele Söhne waren sehr erleichtert. Schon lange hatten sie auf solch ein Signal gewartet. Andere waren skeptisch. „Ist das nicht Verrat an unserer Tradition?“, fragten sie sich. „Wir sind doch nicht der modernen Welt, sondern der Wahrheit verpflichtet.“

von Susanne Haverkamp

Die Diskussionen zogen sich über Jahre hin. Am Schluss setzten sich der Vater und die große Mehrheit der Söhne durch: die, die fest daran glaubten, dass auch Traditionen weitergehen, dass überkommene Grundsätze nicht statisch bleiben müssen, dass auch Änderungen der Wahrheit dienen können. Viele waren erleichtert und nahmen die Reform dankbar auf.
Doch einer der Söhne, er hieß Marcel, konnte sich damit nicht anfreunden und sammelte Freunde um sich, die genauso dachten. Drei Jahre später – es war 1969 – gründeten sie eine Vereinigung und benannten sie nach einem Vater, der eher ihrer Vorstellung entsprach: Pius. Sie sammelten sich in der Schweiz. Dort führten sie zwar kein zügelloses Leben, aber sie entfernten sich innerlich immer weiter vom Vater und den anderen Söhnen.
Die Jahre gingen in das Land. Immer wieder war der Vater auf seinen fast schon verlorenen Sohn zugegangen, doch vergeblich: Störrisch hielt der an seiner Auffassung fest. Als der Vater ihm ausdrücklich verbot, weitere Freunde in Ämter zu erheben, tat er es dennoch. Schließlich – es war das Jahr 1988 – suchte der Sohn Marcel einen Nachfolger. „Wenn du das tust“, drohte der Vater, „schließt du dich selbst und deine Nachfolger aus unserer Familie aus.“ Der Sohn ließ sich nicht beirren: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, meinte er und weihte sogar vier Nachfolger. An diesem Tag war der Bruch vollkommen.
Den meisten anderen Söhne, war das, ehrlich gesagt, ziemlich egal. Viele waren sogar froh, den unliebsamen Mitbruder endlich los zu sein. Sie hatten auch genug zu tun mit der täglichen Arbeit, dem Betrieb, der am Laufen gehalten werden musste. Jeden Tag waren sie draußen und weideten die Schafe. Der Vater aber litt. Es war seine ureigene Aufgabe, die Familie zusammenzuhalten. Einheit: dafür war er da und dafür war er bereit, fast alles zu tun. Er gründete einen Gesprächskreis und lud die verlorenen Söhne ein. Immer und immer wieder.
Schließlich starb Marcel und auch der Vater starb, ohne dass Versöhnung gelungen war. Doch der neue Vater übernahm die alte Aufgabe mit der gleichen Begeisterung. Und nur Unrecht hatten die davongelaufenen Söhne doch auch nicht, oder? Es war doch wirklich einiges komisch gelaufen seit den Reformen damals. Die vorsichtige Annäherung des Vaters traf auf Gegenliebe. Denn ein bisschen verloren fühlten sich die verlorenen Söhne schon. Im Grunde wollten sie ja zur Familie gehören.
Der Nachfolger von Marcel, er heißt Bernard, reiste zur Zentrale. „Wir würden gern zurückkommen“, verkündete er, „wenn ihr uns nur ein bisschen entgegenkommt.“ Da konnte der Vater nicht widerstehen. „Einen Wunsch, der euch besonders wichtig ist, erfülle ich“, verkündete er. „Die alte Feier, an der ihr so hängt, darf, wer will, jeder von nun an immer und überall feiern.“ Das war 2007.
Die wenigsten wollten das. Aber für die verlorenen Söhne war es ein Sieg in einem Prestigeduell. Nun war es an ihnen, den nächsten Schritt zu tun. Im Dezember 2008 baten sie in einem Brief offiziell darum, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Formulierungen wie „Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein“, fielen nicht. Dafür Sätze wie „Wir nehmen die Lehren der Kirche in kindlichem Gehorsam an. … Wir leiden sehr unter der gegenwärtigen Situation.“ Dem Vater war das Reue genug. Er freute sich und ließ sofort alles bereit machen, um die Trennung aufzuheben. Kein Ring, kein Mastkalb, kein fröhliches Fest. Aber ein Dekret, in dem alle erfahren sollten: Der Vater freut sich! „Dieses Geschenk des Friedens soll ein Zeichen sein, um die Einheit in der Liebe zu fördern.“
Die anderen Brüder wurden überrascht. „Was soll das?“ fragten sie ärgerlich, manche sogar zornig. „So viele Jahre diene ich dir, nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt, aber mir hast du nie etwas geschenkt. Doch kaum kommen die an, die seit Jahren nur Ärger machen, kommst du ihnen so weit entgegen. Oder …“ – und das war und ist die größte Sorge der anderen Brüder – „… oder denkst du etwa, die haben Recht?“
Die Geschichte vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Vater. In die Vorkommnisse von Januar 2009 übersetzt, bekommt sie eine bedrückende Aktualität. Wer hat Recht? Der Vater, dem die Einheit über alles geht und der bereit ist, alles zu verzeihen? Die „älteren Brüder“, die sich ärgern und fragen, ob immer mit dem gleichen Maß gemessen wird, gerade, wenn es um Ungehorsam und Vergebung geht? Die daran Anstoß nehmen, dass die Pius-Brüder Bedingungen stellen und denen die Reue nicht reicht? Oder die „jüngeren Brüder“, die zurückkehren wollen, aber zugleich auf das pochen, was sie als Wahrheit erkannt haben? Wie Jesus die Geschichte erzählt, ist sie leicht und einprägsam. Das Leben erzählt komplizierter.

Mitglieder der Pius-Bruderschaft. Foto: KNA

05.02.2012
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