Gedanken zum Evangelium
Er lebt mitten unter euch!
Wer bist du? So fragen die Leute Johannes den Täufer. Denn der hat eine ungeheure Botschaft: Die Zeit ist erfüllt. Der Messias lebt schon unter uns. So fasst der Dortmunder Pfarrer Michael Ortwald die Verkündigung des Johannes zusammen.
von Michael Ortwald
Nichts geht heute ohne Ausweise. Unsere Brieftasche ist voll von manchen tatsächlich notwendigen Personaldokumenten und anderen weniger notwendigen Berechtigungspapieren diverser Einrichtungen, Gruppierungen oder Unternehmungen. So unterschiedlich sie auch sind, wie etwa der Personalausweis, die Krankenkarte, der Messdienerausweis oder der Berechtigungspass für eine Tafelfiliale oder Bücherei, gemeinsam ist ihnen, dass sie alle, jede für sich, etwas über uns aussagen. Es gibt Situationen, wo wir uns erklären müssen über unsere Person, dass wir zu etwas berechtigt sind oder dazugehören. Ausweise sagen etwas aus über den Menschen. Auf Tagungen und Zusammenkünften unterschiedlicher Art identifizieren wir uns durch kleine Namensschildchen.
Im Evangelium des dritten Adventssonntags möchten die Priester und Leviten von Johannes wissen: „Wer bist du?“ Seit einiger Zeit hat er sich in der Ufergegend des Jordan niedergelassen und stimmgewaltig seinen Aufruf erschallen lassen: „Ebnet den Weg für den Herrn!“ (Vers 23). Die laute Stimme, seine kräftige Erscheinung, seine spartanische Lebensart weisen ihn aus als einen Menschen mit einer besonderen Botschaft, die seine innerste Überzeugung ist. Damit macht er auf sich aufmerksam. Aber nicht nur die Form ist es, die die Zeitgenossen neugierig macht, sodass sie sich in Scharen zum Jordan auf den Weg machen. Auch die Botschaft selbst macht hellhörig: „Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt und der nach mir kommt.“ (Vers 26)
Jetzt also ist die Zeit, jetzt ist die Stunde! Johannes kündigt an, worauf sich das Volk des wartenden Bundes in jahrzehntelanger Geduld vorbereitet hat; jedoch auch schon oftmals enttäuscht worden ist. Nun ist da wieder ein Prophet, der die Ankunft des Messias ankündigt. Freude und Spannung sind groß.
Johannes ist die Stimme Gottes in der Wüste. Er ist der, der in Vorbereitung auf die Ankunft des Messias Zeugnis ablegt für die Gewissheit, dass jetzt die Zeit erfüllt und der Messias angekommen ist. Er ist bereits da. Er lebt mitten unter den Menschen, unerkannt im alltäglichen Lebensvollzug. Die Menschen am Jordan lebten in dieser spannenden Hellhörigkeit: ja, dann könnte es doch jeder sein, mein Nachbar, mein Freund, ist es Johannes vielleicht selbst? Und so fragen sie: „Wer bist du?“
Manchmal fragen wir heute auch so. Im Advent fragen wir Gott: Wer bist du? Gerade in schweren Stunden fragen wir so. Zuweilen fragen wir uns selbst: Wer bin ich eigentlich?
Ja, was weist den Christen aus? „Du lebst mehr durch das, was du tust, als durch das, was du sagst“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Bei Johannes dem Täufer war es beides: sein Handeln und seine Botschaft! Er konnte durch ein kraftvolles Auftreten sein Glaubenszeugnis ablegen. Er ist das Sprachrohr des Herrn. Er weist den Weg: der Messias lebt mitten unter euch. Das rüttelt auf, das lässt suchen. Aus Hoffnung wird Freude.
Es dauert nicht mehr lang bis Weihnachten, dem Geburtsfest unseres Herrn Jesus Christus. Es verbleibt noch Zeit, unsere Stimmen zu befähigen, in ein ebensolches kraftvolles und freudiges Bekenntnis einzustimmen, dass Gottes Reich mitten unter uns begonnen und in Jesus von Nazareth Hand und Fuß bekommen hat. Er lebt auch nach Krippe, Kreuz und Auferstehung mitten unter uns.
Unser Bekenntnis dazu ist unser Ausweis als Christ. Der Gottessohn lebt mitten unter uns. Ihn zu erkennen, ist die lebenslange Herausforderung für einen glaubenden Menschen. Wir werden ihn auf unserem Weg sicher auch oft fragen: Wer bist du – für mich? Und er wird sicher antworten: Der, der für dich ist.







