Aktuelle Ausgabe
2012-20

Nach fünf Jahrzehnten darf er von nun an endlich im Freien schweben

Engel wacht über Hedwigs-Kapelle

An einem 50 Meter langen Kranarm schwebte der Gips-Engel über der Kapelle ein.

Oerlinghausen. Die Flügel fehlten noch, als der 350 Kilogramm schwere Gips-Engel von der Hermannstraße aus über hohe Baumwipfel hinweg in Richtung der katholischen Hedwigs-Kapelle schwebte. Weil er nicht selber fliegen konnte, bediente sich der göttliche Bote jetzt der Unterstützung eines 50 Meter langen Kran-Armes.   

von Karin Prignitz 

Bildhauer Bruno Buschmann, der den Engel bereits vor einem halben Jahrhundert geschaffen hatte, ließ es sich nicht nehmen, persönlich dabei zu sein. Für die aufwendige Aktion unterbrach der 82-Jährige einen Danzig-Aufenthalt, um mit Argusaugen darüber zu wachen, dass sein Engel sicher am neuen Standort ankommt. „Jetzt hat er den höchsten Punkt in Oerlinghausen erreicht“, meinte Buschmann zufrieden. Er ist sich sicher: „Von dort aus wird er die Menschen beschützen.“ 

Sechs Wochen lang hatten Mitarbeiter der „euwatec“ darauf hingearbeitet, dass der fliegende Engel einen sicheren Standort bekommt. Voraussetzung dafür war eine tonnenschwere Stahlvorrichtung, die in einer bereits vor Wochen gegossenen Betonplatte verankert wurde. Nach den Vorgaben von Bruno Buschmann hatte Olaf Merle die stählerne Konstruktion mit Galgen in Form einer Sieben geschweißt, und konnte nun rundum zufrieden mit seiner Arbeit sein. „Super, hält bombenfest.“ Vieler weiterer Hände bedurfte es, bis der Engel aus Gips über die Dächer der Bergstadt schauen konnte. „Zu viel Feuchtigkeit kann er nicht vertragen“, erläuterte Bruno Buschmann. Deshalb müsse der Engel „sicher unter Dach und Fach“ kommen. Dort wird der Bildhauer nochmal künstlerische Hand anlegen müssen, denn der 2,15 Meter große himmlische Wächter hat schließlich 50 Jahre lang ein weitgehend unbeachtetes Dasein gefristet. Malermeister Klaus Stengel werde anschließend die Aufgabe übernehmen, den Gips-engel zu imprägnieren. 

Der hatte den Engel vor fünf Jahrzehnten für den Neubau einer evangelischen Kirche im Ruhrgebiet geformt. Nach den Plänen von Professor Arnold Rickert, seines ehemaligen Lehrers an der Werkkunstschule Bielefeld. „Geplant war er als Bronzeguss. Das Ganze ist dann aber doch nicht zum Tragen gekommen.“ 

Als Rickert starb, nahm Kollegin Eva Limberg den Engel zu sich in ihr Atelier und bewahrte ihn dort jahrzehntelang auf. Als sie ihre Werkstätte aufgab, „schwebte“ der Engel wieder zu Buschmann in die Bergstadt Oerlinghausen zurück. Dort entdeckte ihn der Leiter des katholischen St.-Hedwigs-Hauses, Dr. Johannes Stefan Müller. „Das wäre doch was für uns“, habe der gesagt. Vor 15 Jahren war das. Nun kann der Engel für alle sichtbar schweben. „Dass ich da nochmal dran muss, hätte ich nicht gedacht“, sagte Bruno Buschmann und war schließlich doch sichtlich erfreut und überaus glücklich, dass sein Werk nun einen angemessenen Platz bekommen hat, und diesen auch behält. 


22.05.2012
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