Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Elischa lehrt Teilhabe für alle

Propst Michael Feldmann ist Leiter des Pastoralverbundes Werl und Westtönnen sowie Propst an St. Walburga.

von Propst Michael Feldmann

Märchen haben Botschaften. Vom Überfluss sprechen zu uns das Märchen vom Süßen Brei („Töpfchen steh“), vom Zauberlehrling und vom Schlaraffenland. Zu allen Zeiten haben sich die Menschen nach Überfluss gesehnt und mussten doch mit dem alltäglich Notwendigsten zurecht kommen. Leben bleibt ein Unterwegssein zum Land, wo Milch und Honig fließen (Dtn 5,3).Märchen lassen Träume, Hoffnungen, Utopien zu. Utopia ist Märchenland. Die Märchen vom Überfluss sprechen vom Heil und Unheil des „Zuviel“.
Biblische Botschaften erzählen keine Märchen. Sie helfen bei der Sehnsucht nach Wahrheit. Der Prophet Elischa ist im AT neben dem noch bedeutenderen Elija ein großer Wundertäter! Die Erzählung von der Brotvermehrung durch Elischa erinnert an das Manna in der Wüste (Ex 16) und nimmt als Erzählschema die Brotvermehrung Jesu vorweg. Der Überfluss des Augenblicks ist Zeichen und Ankündigung dessen, was Gott mit dieser Welt vorhat: nicht Überfluss, in dem die Menschen ersticken, sondern Überfluss des Friedens und der Teilhabe, Überfluss mit dem man überleben kann.
„Unser tägliches Brot gib uns heute“ (Lk 11,3; Mt 6,11), nichts gegen kluge Vorratshaltung, über die sprach schon der ägyptische Josef (Gen 41,35f). Von Aktienpaketen für Großbäckereien ist im Vaterunser und bei den Brotvermehrungswundern freilich nicht die Rede: Profitvermehrung? Heute erhalten Nahrungsmittelkonzerne die höchsten EU-Agrarsubventionen: Geldvermehrung? Hedgefonds, der Inbegriff der bösen Börsenmakler, sind durch internationale Getreidespekulationen für den globalen Hunger mitverantwortlich, und ihre Kleinanleger auch: Dividendenvermehrung? Elischa lehrt und vermehrt das Teilen, damit alle Teilhabe bekommen: zwanzig Gerstenbrote für hundert Männer! Was ist das für so viele? Utopie! Und doch bleibt übrig! Es ist ein Wunder, wenn die Leute ehrlich teilen. Es ist Vermehrung, wenn die weniger werdenden Gaben nicht immer weniger Besitzer, sondern immer mehr Empfänger finden.
Es ist mirakulös, wie in Notzeiten der Wert des Geschenkten ins Unermessliche steigt und die verkaufbaren, materiellen Werte im Preis fallen. Achthundert Jahre nach Elischa eine ähnliche Szene: Besatzung, Arbeitslosigkeit und der Selbsterhaltungstrieb im Opportunismus, nichts Neues! Wieder eine wunderbare Brotvermehrung. Jetzt durch Jesus. Um nicht einmal den Verdacht von Märchengeschichten und Seemannsgarn am See von Galiläa aufkommen zu lassen, bemüht sich der Evangelist um exakte Angaben: zweihundert Denare, fünf Gerstenbrote, zwei Fische, fünftausend Männer, zwölf Körbe. Ein Wunder! Viel großartiger als bei Elia, wo ein Fünftel Gerstenbrot zwar keinen Hunger stillt, aber doch lindert. Und jetzt ein echtes Wunder! Brauchen wir Wunder? Speist sich unser Glaube vom Mirakulösen? Und: Würden wir die Erschütterungen eines Wunders miterleben dürfen, glaubten wir dann fester, beteten wir intensiver, engagierten wir uns aktiver?
Und: wie wäre es denn, wenn wir die Brotvermehrungs-Wunder des Alten und des Neuen Testamentes, die Handlungen Elischas und Jesu in die Einfachheit unseres eigenen Lebens übersetzen würden: wer teilt, der verdoppelt, wer abgibt, der vermehrt,  vermehrt mindestens Freude, Freundschaft und Dankbarkeit. Wenn kirchliche Feste nicht geschlossene Veranstaltungen für Insider wären, sondern bewusst die mit hinein nehmen, die allein, einsam, unbemittelt bleiben. Fangen wir schon zu teilen an, damit sich andere wundern. Und vielleicht nehmen wir beim nächsten Pfarr- und Schützenfest zur Runde am Tresen auch mal jemanden dazu, der nicht in der Lage ist, anschließend für die ganze Gesellschaft eine Lage zu bestellen. Das wäre ein Wunder! Christentum ist nun mal kein Märchen.


22.05.2012
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