Aktuelle Ausgabe
2012-20

Dekanat Hagen-Witten und evangelische Kirche eröffnen Veranstaltungen zum Paulus-Jahr

Eine hoch brisante Frage

Dechant Dieter Osthus (r.) mit dem Referenten über den hl. Paulus, Dr. Kuno Füssel. Foto: Rieke

Hagen-Wehringhausen. Achtzehn Tafeln im DIN-A-2-Format widmen sich zurzeit in der evangelischen Pauluskirche in Hagen-Wehringhausen dem Apostel Paulus: Ein aktuelles Foto oder eine Zeichnung, eine Meditation, ein Zitat aus den Schriften des ungewöhnlichen Junggesellen und auf einigen Tafeln Briefe an ihn selbst.

von Meinolf Steinhofer

Mit der Ausstellung „mensch paulus“ eröffnet das Dekanat Hagen-Witten zusammen mit Partnern aus der evangelischen Kirche die Veranstaltungsreihe über Paulus. Die Ausstellung selbst wird am 7. Juli in die Kirchengemeinde St. Peter und Paul (Am Kirchenberg 9) nach Witten weiterwandern.
Den Beginn der Vorträge eröffnete Dr. Kuno Füssel in der Paulusgemeinde mit der Frage: „Hat Paulus das Christentum erfunden?“ Er berichtete, das „im 18. Jh. während der Aufklärung ausdrücklich die Frage diskutiert wurde ob Paulus nicht nur Missionar war, sondern als Religionsstifter zu gelten habe“.  Samuel Reimarus (1694 bis 1768) Professor für Hebräisch, gab dazu die klare Auskunft: „Paulus ist mit allem Rechte für den vorzüglichen Urheber und Stifter des Christentums zu achten. Wenn wir die Wahrheit sagen wollen, so ist das ganze Christentum  hauptsächlich Pauli System und Betrieb.“ Nachdem Reimarus Paulus zum Stifter gemacht hatte, kanzelte er ihn aufs schärfste ab. Er habe sich zum 13. Apostel aufgeschwungen und mit dem Feuer der Beredsamkeit die anderen an die Wand gedrückt. „Das habe dazu geführt, dass kaum noch jemand gewagt habe, ihm zu widersprechen.“
Dr. Füssel betonte: „Wir haben mit der Frage, ob Paulus das Christentum allererst erfunden hat, eine hochbrisante Frage vor uns, die keineswegs weit hergeholt oder gar böswillig ist.“ Der Theologe Füssel, Schüler von Karl Rahner, fragte in seinem Referat: „Könnte die Erfindung des Paulus vielleicht darin bestehen, dass der Gott Israels in Tod und Auferstehung seines geliebten Sohnes allen Menschen die Chance anbietet, seinem auserwählten Volk beizutreten? Könnte es sein, dass die Erfindung des Paulus die Universalisierung des Judentums in der Gestalt des Christentums ist, was damit aber keine dem Judentum entgegengesetzte Religion wäre, sondern nur ein  zweiter Baum, der aus der Wurzel des Judentums herauswächst?“ Es entwickelte sich eine eigene Religion mit eigenem Profil, einer eigenen Theologie, einer eigenen Ethik, eigenen Ritualen und Lebensformen. Entscheidend ist die „Art und Weise, wie Paulus Jesus als Messias, als den Christus begreift“, betonte der Referent. „Ohne Paulus wäre die Jesusbewegung eine kleine und vielleicht unbedeutende jüdische Sekte geblieben.“ Als Fazit stellte Füssel fest: „Paulus hat innerhalb des Judentums einen Neubeginn gewagt, der sich immer mehr verselbstständigte und immer neue Gegensätze produzierte. Das haben weder Jesus noch Paulus gewollt. Darauf sollten wir uns besinnen und eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen entfalten.“
Denn Paulus warnte schon im Brief an die Römer vor antijüdischer Überheblichkeit: „Nicht Du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“


22.05.2012
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