Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Eine Wüste voller Schätze

Pfarrer Reinhard Bürger ist Leiter des Pastoralverbundes Dortmund-Derne-Kirchderne-Scharnhorst.

Der Prophet Jesaja verkündet die Frohe Botschaft, dass Gott auch die Wüsten unseres Lebens neu zum Blühen bringt.

von Reinhard Bürger 

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal in der Wüste war, habe ich auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho einen starken Regenfall erlebt. Die Wüste, vorher karg, trocken und ausgedörrt, verwandelte sich in wenigen Momenten in einen bunten Teppich aus vielen Blumen und Kräutern. Ich hatte nicht geahnt, welches Potential in diesem trockenen Land steckte, welche Farben die braune Erdkruste barg. Obwohl alles erklärbar und für einen Einheimischen total normal war, war es für mich ein Wunder. Ich habe dieses Bild nie vergessen und trage es seither als wertvolle Erinnerung mit mir – abgespeichert auf meiner inneren Festplatte.

Jedes Mal, wenn ich den Jesajatext lese, werden diese Bilder lebendig. Es ist für mich einer der schönsten Texte des Alten Testamentes. Eine unendliche Lebendigkeit spricht aus diesen Zeilen: aufblühen, stark werden, mutig sein, fest stehen, und am Ende dann: Feiern! Feiern! Feiern!

Ich bin sehr dankbar, dass es bisher kein äußerer oder innerer Absturz geschafft hat, dieses hoffnungsvolle Bild in meinem Inneren zu löschen. Es ist auch für mich nicht nur eine nostalgische Erinnerung an einen schönen Weg. Denn ich erlebe heute immer wieder die Wüste.

Zunächst die Betonwüste, in der ich lebe und arbeite, austauschbare Wohnsilos, hohe Fluktuation bei den Bewohnern, viele Menschen, die „von der Hand in den Mund“ leben müssen, es ist nicht die bevorzugte Wohngegend in unserer Stadt. Ich erlebe immer wieder Menschen in meiner Umgebung, deren Körper ausgedörrt sind, vom Krebs zerfressen, von Entzündungen gequält, durch Drogen misshandelt, von Operationen entstellt, vom langen Krankenlager geschwächt. Ich erlebe Menschen, die der Glaubensgemeinschaft der Kirche nicht mehr vertrauen können, weil sie zu oft enttäuscht worden sind oder weil sie merken, dass sich nichts nach vorn bewegt. Wer nur so etwas ständig sieht, könnte am Leben verzweifeln.

Wüste ist für mich mehr als nur das „trockene Land“, es sind auch die darin verborgenen Schätze, die noch zum Leben gebracht werden müssen. Für den Propheten Jesaja ist es Gott, der kommt und rettet. Wo Gott der Wüste sein Leben einhaucht, kann sich in den Lebewesen neue Lebendigkeit entfalten. Und es kann wieder gejubelt werden.

Unter dieser Perspektive bekommen auch die anderen Wüsten ein neues Gesicht. Die Betonwüste zeigt plötzlich an vielen Stellen die Gesichter von Menschen, die kein Herz aus Beton haben, sondern Herzen aus Fleisch. Sie stehen einander bei in Lebenssituationen, wo einer allein nicht weiterkommt. Menschen wachsen über sich hinaus, wenn sie plötzlich eine große Verantwortung übernehmen müssen. Sie sind ganz liebenswürdig und muntern ihre Umwelt durch ihr heiteres, gelassenes Wesen immer wieder auf. Andere sind ehrlich mit sich selbst, machen sich selbst nichts vor, können über sich selbst lachen. Wieder andere sind unendlich geduldig oder bewundernswert tapfer. Ich erlebe die Wüste des alltäglichen Lebens als eine verborgene Welt mit ganz viel Kraft, Power – eben Heiligem Geist. Die genannten Beispiele von Menschen könnte ich alle mit konkreten Namen benennen, tue das aber aus guten Gründen nicht.

Dass die Wüsten unserer Erde voller Schätze sind, das wissen wir schon lange. Ich glaube auch, dass die Wüsten unseres Alltags voller Schätze sind. Eine Wüste lässt mich still werden, ich schärfe meine Augen und mein Gehör, werde hellhörig und einfühlsam. Ich muss nicht erst in die Sahara gehen, um das Wunder der Wüste zu erleben, „in meiner Stadt ist meine Wüste“ (Carlo Carretto).

 

 


22.05.2012
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