Aktuelle Ausgabe
2012-20

Fangfragen zum heiligen Petrus führen in die Becks-Brauerei

Eine Bierpulle mit Schlüssel

Millionenfach in aller Welt verteilt: Der Becksbier-Schlüssel stammt aus dem Bremer Stadtwappen. Dort hinein brachte ihn der heilige Petrus. klein: Hamburger Bistumswappen.Foto: Hüser

Eigentlich wird in Hamburg Holsten oder Astra getrunken. Aber in der Imbissbude bei Werner gibt’s Becks. „Ist schon okay, das Bier“, sagt Paul, 43, Stammgast bei Werner. „Gibt ja nix anderes.“ „Na komm“, kontert Werner hinter der Theke. „Tu nich noch so, als ob das dein erstes wäre.“ Werner schwört auf Becks, obwohl er Hamburger ist. Was soll der Schlüssel auf der Flasche? Frage an Paul. „Was für’n Schlüssel?“ Ja, auf jeder Flasche ist ein Schlüssel drauf. „Stimmt.“ Werner seufzt und klärt auf: „Der Schlüssel ist das Wappen von Bremen. Becks kommt aus Bremen.“ „Auch das noch“, sagt Paul. Und warum hat Bremen ein Schlüssel im Wappen? „Ich weiß. Das ist das Tor zur Welt.“ „Quatsch“, sagt diesmal Werner, „das Tor zur Welt sind wir.“

von Andreas Hüser

Anruf bei der Presseabteilung von Becks in Bremen: „Ihr Firmenlogo zeigt einen Schlüssel. Was bedeutet das?“ Antwort: „Der Schlüssel ist das Wappen von Bremen.“ „Können Sie mir sagen, warum Bremen den Schlüssel als Wappensymbol hat?“ „Nein, ist das eine Art Fangfrage?“ Nein, aber eine Testfrage. Warum wir Becks gefragt haben? Weil Becks in Europa der weitaus größte Verbreiter für das Symbol des heiligen Petrus ist. 400 000 Schlüssel auf 400 000 Flaschen pro Stunde ruckeln in Bremen über die Bänder, Fässer und Gläser kommen dazu.
Eigentlich hat Jesus nie gesagt: Petrus, du bist der Schlüssel. Er hat gesagt: „Du bist der Fels, und auf diesem Fels werde ich meine Kirche bauen.“ (Mt 16,18) Aber nicht der Fels wurde im vierten Jahrhundert zum Symbol des Simon Petrus, sondern der Schlüssel, von dem in Vers 19 die Rede ist: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben, und was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein ...“ Es ist diese geistliche und rechtliche „Schlüsselvollmacht“ des Petrus und des Petrusamtes, die seine Ausnahme-Beutung und damit auch seine politische Macht begründete. Der römische Bischof legte folglich Wert darauf, die Schlüssel des Himmels so oft und so deutlich wie möglich zu zeigen. In Byzanz sahen die kirchlichen Autoritäten natürlich anders: Auf ostkirchlichen Petrusbildern sucht man den Schlüssel meistens vergebens.
Das Wappensymbol des Papstes tritt beileibe nicht nur in seiner Bischofsstadt auf. In Deutschland gibt es 69 Kirchen, die den päpstlichen Ehrentitel „Basilica Minor“ tragen und deshalb das Papstwappen führen dürfen. Dazu gehören St. Godehard in Hildesheim, die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung in Werl oder der Petersdom zu Worms. Worms und Trier sind außerdem Städte, die den Schlüssel in ihrem Stadtwappen führen: Sie haben St. Peter als Patron.
Und wie kam der Schlüssel Petri auf das Wappen von Bremen? Dazu gibt es zwei Erklärungen. Bis zum 14. Jahrhundert hatte die Stadt ein Siegel, das den Bremer Bischof und den Kaiser zeigte. Beide halten schützend ihre Hand über den Bremer Dom. 1366 aber verkrachte sich die Stadt mit dem Bischof, damals Erzbischof Albert II. von Braunschweig-Lüneburg. Die Bremer vertrieben nicht nur den Bischof, sondern zerstörten auch das Siegel, das den Bischof zeigte. „Unde dat inghezegel lete wy ok enttwey slan“ („Und das Siegel haben wir auch entzwei geschlagen.“), protokollierte der Bremer Rat am 9. August 1366. Die Bremer entwarfen ein neues Siegel, in dem der Bischof nicht mehr zu sehen war, dafür aber dessen Vorgesetzter: Es zeigt wiederum den Kaiser mit Stab und Zepter, daneben steht der Papst mit Tiara und Schlüssel. Diese zweite Erklärung ist einfacher: Es gab in Bremen immer schon ein zweites, kleineres Siegel, auf dem nur der Petrus-Schlüssel und sonst nichts zu sehen ist. Petrus ist Patron des Bremer Doms, seine Insignien zieren auch das Wappen des alten Bremer Bistums. Von dort aus sind die Schlüssel Petri inzwischen sogar zum ewigen Rivalen im Norden, nach Hamburg, gewandert.
Als das Erzbistum Hamburg 1995 wieder gegründet wurde, entwarfen die Hamburger ein Wappen, das außer dem Marienstern und dem Niels-Stensen-Herz zwei gekreuzte Schlüssel zeigt: Die Schlüssel erinnern an die gemeinsame Vergangenheit des Bistums Bremen-Hamburg. Nachdem der erste Hamburger Erzbischof St. Ansgar 845 nach nur 14-jähriger Amtszeit von den Wikingern vertrieben wurde, floh er an die Weser und kehrte nie mehr in den unsicheren Vorposten an der Elbe zurück. 848 wurden beide Bistümer miteinander vereinigt und trugen bis 1180 den Titel Erzbistum Hamburg-Bremen.


22.05.2012
Impressum | Kontakt
4002