Aktuelle Ausgabe
2010-11

Die Kulturwissenschaftlerin Andrea Höhn über die Kultur der Muße

„Ein liebendes Gewahrwerden der Welt“

Andrea Höhn wurde 1957 geboren. Sie absolvierte ein Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Hannover. Die Diplom- Sozialwissenschaftlerin arbeitet als freiberufliche Dozentin und Seminarleiterin für kulturelle und politische Bildung sowie Solidarökonomie.

Was unterscheidet die Muße von der Freizeit oder gar vom Nichtstun? Wo hat sie in unserem von hektischer Aktivität geprägten Leben ihren Platz? Die Kulturwissenschaftlerin Andrea Höhn zeigt in ihrem Gastbeitrag auf, was Muße letztlich ausmacht und was ihr in unserer Lebenswelt entgegensteht.


von Andrea Höhn

Um die eigentliche Bedeutung der Muße offen zu legen, müssen wir in die Antike zurückgehen. Aristoteles entwickelt diesen Begriff unter anderem in seiner Schrift über die Politik. Und er stellt die Muße dort in den Gegensatz zur Arbeit. „Denn die Muße, um noch einmal von ihr zu reden, ist der Angelpunkt, um den sich alles dreht. Denn wenn auch beides sein muss, so ist doch das Leben in Muße dem Leben der Arbeit vorzuziehen.“
Aristoteles hält damit aber keineswegs ein Plädoyer für das Nichtstun. Muße meint hier vielmehr regeste geistige Tätigkeit, die – frei von jedem wirtschaftlichen und politischen Interesse – durch Betrachten der Lebenswelt auf Erkenntnis zielt. Es ist diese betrachtende, innehaltende, etwas überdenke und untersuchende geistige Tätigkeit, anders: die Kontemplation, die den Kern der Muße ausmacht und uns in die Lage versetzt, tatsächlich zu unserer Lebenswelt in Beziehung zu treten und uns als Teil von ihr zu begreifen. Es handelt sich also nicht einzig um einen rationalen Erkenntnisprozess. Der Philosoph Josef Pieper definiert die Kontemplation denn auch als ein liebendes Gewahrwerden der Welt: „Kontemplation ist nämlich nicht einfachhin eine Aktform des Erkennens neben anderen. Ihr Eigentümliches liegt nicht allein in einer Besonderheit des Erkenntnisvorgangs selbst. Was die Kontemplation auszeichnet und unterscheidet, ist vielmehr dies: Sie ist ein von der Liebe entfachtes Erkennen.“
Muße in diesem Sinne zu praktizieren, bedeutet innehalten, sich bewusst betrachtend und nachdenkend einzulassen auf die Welt, zu ihr in Beziehung zu treten und so auch das Urteilsvermögen zu erlangen, das notwendig ist, um die Lebenswelt bewusst zu gestalten. Der Flaneur etwa kennt die Umgebung gut, in der er sich bewegt; fern von rastlosem Sightseeing lernt er durch wiederholte ruhige Begehung, durch Innehalten und intensives Betrachten einen Ort und seine Menschen kennen.
Es braucht Zeit und Ruhe, dieses Interesse am Anderen zu pflegen. Und es scheint nun auf den ersten Blick zu einfach einzufordern, man solle sich beides, Ruhe und Zeit, kurzerhand nehmen, denn wir leben heute in einer Arbeits- und Konsumgesellschaft, die die berufliche Tätigkeit zum Zentrum des Lebens erklärt hat. Mehr denn je wird der Sinn auch sozialer und kultureller Aktivitäten nach den Kriterien ökonomischer Verwertbarkeit beurteilt. Was nach dieser Logik des Geldes ökonomisch nicht verwertbar ist, scheint nutzlos und verliert seine Existenzberechtigung. Soziale Identität und Anerkennung gewinnen Menschen heute (leider) immer noch in erster Instanz über die Arbeit. Ihr schroffer Gegensatz, die „Freizeit“, die Zeit also, welche frei ist von fremdbestimmter Erwerbsarbeit, unterliege dabei der Selbstbestimmung, so vermuten viele. Aber dort hat längst eine Freizeitindustrie eingegriffen, mit käuflichen Angeboten, die für Momente das erzeugen, worauf Muße gerade nicht zielt: Sich nach getaner Arbeit aus der Welt auszuklinken, abzuschalten auf den Wogen einer Event- und Wellnesskultur. In unserer weitgehend entfremdeten „Freizeit“ sind wir zu Konsumenten geworden, die aus einer Angebotspalette eine Ware auswählen, die freilich bezahlt werden muss, mit dem über Arbeit erworbenen Geld. Wer Muße sucht, muss dort selbstbewusst ein Stück Distanz nehmen, um sich mit Ruhe auf die Welt einzulassen statt ihr per Freizeitware zu entfliehen.
Während eines Frauenseminars, das ich kürzlich für das Katholisch-Soziale Institut in Bad Honnef zur „Kultur der Muße“ durchgeführt habe, unternahmen die Teilnehmerinnen eine Exkursion und fragten Passanten danach, was sie unter „gutem Leben“ verstehen. Vorher hatten wir spekuliert, was die befragten Personen wohl antworten würden und dabei bewusst unsere Vorurteile mobilisiert: Geld und Macht haben, ein schnelles Auto und so weiter vermuteten wir, so würde die Sichtweise der Mehrheit ausfallen. Wir hatten uns geirrt. Die Wünsche waren in ökonomischer Hinsicht äußerst bescheiden; die Mehrheit der Befragten verstand unter gutem Leben etwas anderes: Seelische Zufriedenheit Freundschaften pflegen, Liebe und Glück erfahren, man möchte teilen und genießen können und über das Leben nachdenken. Im Seminar haben die Frauen darüber nachgedacht, wie sie selbst ihre Mußezeit füllen möchten. Schauen, Zuhören und „Spurenlesen“ gehört für sie ebenso dazu wie die Betrachtung der Menschheitsgeschichte, die Pflege von Werten wie Respekt vor allen Lebewesen und Ehrfurcht vor der Natur und kreative Tätigkeiten. Auch Kinder, so die Frauen, sollten schon zur Muße erzogen werden, denn nach Aristoteles „ist das die Hauptfrage, mit welcher Art Tätigkeit man die Muße auszufüllen hat.“


15.03.2010
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