Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Ein Tag im Leben des Jesus

Pfarrer Georg Kersting, Leiter des Pastoralverbundes Bad Lippspringe-Schlangen, Martinstr. 5, 33175 Bad Lippspringe

Das Evangelium vom fünften Sonntag im Jahreskreis gewährt einen Einblick in den Alltag Jesu zu Anfang seines öffentlichen Wirkens. Und da geht es sehr einfach zu. Eine Anfrage an uns, die wir uns etabliert haben? So fragt Pfarrer Georg Kersting, Leiter des Pastoralverbundes Bad Lippspringe-Schlangen.

von Georg Kersting

„Wir bringen eine ‚home-story‘. Ganz exklusiv“. Wenn eine Zeitschrift eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit ihren Lesern näher bringen, wenn sie vor allem ihre unentdeckten Seiten ausleuchten möchte, dann druckt sie eine „home-story“. Der „Star“, die bekannte Persönlichkeit gibt Einblick in ihr privates Umfeld, lädt ein in ihr Zuhause, in ihr „home“.
Das Evangelium vom fünften Sonntag im Jahreskreis ist so etwas wie eine „home-story“. Es gewährt Einblick in das tägliche Leben des Jesus von Nazareth am Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit. Und wir erfahren wirklich Dinge, die den Zeitgenossen Jesu, die ihm auf der Straße oder bei anderer Gelegenheit begegnet sind, nicht bekannt sein dürften. Das Auffälligste vielleicht: Er hat überhaupt kein Haus, kein „home“. Er ist zu Gast im Haus des Simon und Andreas. Und das ist kein Zufall, sondern Programm: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20). – Ein Zweites: Es gibt eine Tag- und eine Nachtseite im Leben dieses Jesus von Nazareth. Tagsüber heilt und lehrt er, ist sichtbar und aktiv. Nachts zieht er sich zurück und sucht das Gebet, die Nähe des Vaters im Himmel.  Dies ist wohl sein eigentliches Zuhause, sein wahres „home“: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.“ (Joh 4,34).
Nehmen wir diese „home-story“ des Jesus von Nazareth als Anfrage an unseren Alltag: Haben wir uns fest eingerichtet, sind wir etabliert in dieser Welt: in Beruf, Familie, Freizeit und Kirche? Oder gibt es da noch eine innere, eine geistliche Distanz im Sinne des Apostels Paulus: „Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer … denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ (1 Kor 7,29ff.). Vielleicht kann uns diese innere, diese geistliche Distanz zum Etablierten auch nützen, wenn wir uns in unserem Erzbistum im kommenden Jahr auf die Suche nach veränderten Strukturen und Arbeitsweisen in der Pastoral begeben (müssen).
Und wie sieht es mit der Tag- und Nachtseite in unserem Leben aus? Gibt es Zeiten und Orte für Rückzug und Gebet? Gibt es Raum für die Suche nach Gott? Und gestalten wir dann unseren Alltag aus der Kraft des Gebetes, aus der Liebe zu Gott?
Jesus wurde von den Jüngern des Johannes gefragt. „Meister – wo wohnst du?“ Und er antwortete: „Kommt und seht!“ (Joh 1,38f.) Er lädt auch uns ein. Folgen wir ihm. Lassen wir uns von seiner home-story  inspirieren und gestalten wir unseren Lebensstil nach ihm.


22.05.2012
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