Aktuelle Ausgabe
2012-20

Bahnhofsmission ist weit mehr als nur die Begleitung Reisender

Ein Stück Familie an der Bahnsteigkante

Die Bahnhofsmission besteht als ökumenische Hilfseinrichtung seit 100 Jahren. 1894 wurde die erste in Berlin gegründet, um den oft orientierungslosen Menschen in den Jahren der Industrialisierung zu helfen. Der gemeinsame Auftrag führte bald zum Zusammenschluss evangelischer und katholischer Bahnhofsmissionen und 1910 zur Gründung der heutigen „Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland“ (KKBM). Sie ist die älteste ökumenische Struktur auf dem Gebiet der offenen sozialen Arbeit. An diesem Wochenende wird mit einem „Tag der Bahnhofsmission“ das Jubiläumsjahr offiziell eröffnet.

von Harald Oppitz / KNA
(Text und Fotos)


Mark steht an einem kalten Morgen mit zitternden Händen an der Pforte der Bahnhofsmission und bittet um eine Tasse Tee. Momentan darf er nicht in die Räume, denn er hat den Hund eines Freundes dabei, und Hunde dürfen nun mal nicht in den Warteraum. „Das ist schon okay so. Gibt ja immer mal Leute, die Hunde nicht mögen“, weiß Mark, „aber ich bring‘s einfach nicht fertig, Lucy bei dem Wetter draußen anzubinden.“ Ein Tee und ein paar nette Worte von Sozialarbeiterin Ulli Siethoff tun auch an der Pforte gut.
Die beiden kennen sich mittlerweile recht gut – Mark kommt seit November regelmäßig zu den Mitarbeitern der Würzburger Bahnhofsmission – mal mit, mal ohne Hund; mal mit, mal ohne Kummer: „Die Bahnhofsmission bietet uns Vergessenen ein Stück weit Familie. Man kann mit dem Team hier über Probleme reden, sie hören zu und geben mir gute Ratschläge, und darum fühle ich mich hier seelisch aufgehoben.“ Mark ist Anfang 40 – eigentlich im besten Alter, doch eine chronische Krankheit macht ihm seit über 20 Jahren schwer zu schaffen, und seit zwölf Jahren ist er Frührentner. Die Nerven in seinem Körper wollen nicht immer so, wie er gerne möchte, und dann zittert er am ganzen Leib. „Ich nehm‘ aber keine Drogen oder so“, beteuert er schnell und ungefragt.   
Die blonde Sozialarbeiterin lächelt ihn über die Theke an, als sie das warme Getränk vor ihn hinstellt: „Du kannst jederzeit bei uns vorbeikommen, das weißt Du doch.“ Gestärkt verabschiedet sich Mark nach ein paar Minuten bis zum Nachmittag. Dann will er mit Michael Lindner-Jung, dem Leiter der Würzburger Bahnhofsmission, ein längeres Gespräch führen: Gemeinsam planen sie nächste Schritte für seine Zukunft. „Die Leute hier haben das Herz am rechten Fleck“, sagt Mark noch im Gehen – und Lucy tippelt ganz dicht an seiner Seite.  
„Wir sind für Menschen da, für die sonst möglicherweise niemand mehr da ist.“ So versucht Michael Lindner-Jung die Arbeit der Bahnhofsmission zu umschreiben. Das Aufgabenfeld dieser ökumenischen Hilfseinrichtung zu erklären, sei gar nicht so einfach aufgrund der unglaublich vielschichtigen und unterschiedlichen Anforderungen: „Was wohl allen gemeinsam ist, ist die Begleitung von Menschen in Notsituationen.“ Dazu gehören Kinder, die ihren Anschlusszug verpasst haben, genauso wie Jugendliche, die aus der Familie flüchten. Blinde Reisende werden genauso an die Hand genommen wie obdachlose Drogenabhängige: Zeigt man den einen nur den Weg durch die Unterführung zum richtigen Gleis, hilft man den anderen vielleicht aus dem Dunkel der Perspektivlosigkeit zu einem neuen Anfang.  „Gut 80 Prozent unserer Zeit machen wir soziale Brennpunktarbeit“, was sich für Einrichtungsleiter Lindner-Jung durch die spezielle Struktur der Bahnhöfe erklärt. Der Bahnhof ist durch seine Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt immer auch ein Abbild der gesamten Gesellschaft. Hier finden sich Menschen aller Gesellschaftsschichten dicht gedrängt auf engstem Raum – und eben auch Menschen, die mit ihrem Leben so nicht mehr klar kommen.   
Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission haben die Möglichkeit, gerade Personen in Notsituationen sehr schnell zu erreichen. „Wir können es den Leuten durch unser niederschwelliges Angebot sehr einfach machen, dass sie zu uns kommen.“ Es gehe es ja nicht sofort um das Erreichen eines konkreten Zieles wie Arbeitsplatz oder Wohnung, sondern zuallererst einmal um den persönlichen Kontakt: „Hier kann jeder reinkommen, wie er gerade ist“, schildert Ulli Siethoff geradezu begeistert ihren Arbeitsplatz: „Die Menschen werden hier so, wie sie gerade sind, wahrgenommen - mit all ihrer Not, mit all ihren Problemen. Unsere Tür ist einfach offen.“  
Paul sitzt vor der Tür auf seinem Rollator und lächelt. Die Sonne ist rausgekommen, und er hat noch eine halbe Stunde Zeit, bis sein Bus fährt. Der 82-jährige ehemalige Seemann kommt gerne zu den Leuten der Bahnhofsmission. „Die sind immer so nett, und ich kann mir mit ein paar Scherzen die Zeit vertreiben.“
Paul erzählt gerne aus seiner lebhaften Vergangenheit – wie er mit Containerschiffen die Wasser zwischen Basel und Rotterdam unsicher gemacht hat. Auch in seinem Alter genießt er es sichtlich, mit den jungen Mitarbeiterinnen der Einrichtung ein bisschen zu flirten. Seit seine Frau vor vier Jahren gestorben ist, fühlt er sich oft alleine: „Ich werd schon noch eine Nette finden, die bei mir einziehen mag“, ist er sich sicher. Bis es soweit kommt, macht der alte Schiffskapitän halt ab und zu den Frauen in der Würzburger Bahnhofsmission ein paar Komplimente.  
Mittags um 13 Uhr ist das Sozialcafe der Bahnhofsmission gut gefüllt – fast schon wie die Imbissbude nebenan im Bahnhofsgebäude, nur irgendwie nicht so hektisch. Menschen sitzen an den Tischen; viele warten einfach. Eine Zwölfjährige möchte zum Vater nach Dortmund reisen, ihr Anschlusszug geht erst in einer Stunde. Eine ältere Frau will endlich ein Buch von Knut Hamsun lesen, ein verliebtes Paar nutzt das kostenlose Internet, um Bewerbungen zu schreiben. Ronja hofft, dass Bruder Tobias einen Glassplitter aus ihrem Fuß holen kann. Die 21-Jährige ist ziemlich nervös und hat Angst wegen der Verletzung: „Ich bin eine empfindliche Person, und ich möchte einfach, dass das respektiert wird.“ Bruder Tobias von der Würzburger Straßenambulanz vertraut sie aber. Ronja lebt auf der Straße, sie weiß noch nicht, wo sie heute Nacht schlafen wird. Mit dem Sammeln von Flaschen und dem „Schnorren an Bahnhöfen“, wie sie es nennt, hält sie sich über Wasser.   
Eigentlich hat sie viele Träume und Pläne für ihre Zukunft: „Ich würde gerne Modenäherin werden. Aber die meisten trauen mir das nicht zu.“ Die junge Frau wirkt zerbrechlich, reibt nervös ihre Hände aneinander: „Ich interessiere mich eigentlich für sehr viele Dinge, und ich habe sicher außergewöhnliche kreative Fähigkeiten, aber ohne Hauptschulabschluss habe ich halt keine Chance, so einen Beruf zu erlernen.“ Irgendwo ist Ronja in ihrer Jugend aus der Spur geraten.
Für das Team um Michael Lindner-Jung ist das auch momentan nicht so wichtig. Sie sehen den Splitter im Fuß der Frau und helfen: eine vorsichtige Fußwaschung, ein Pflaster, ein paar neue Socken. Der Tee nach der Verarztung wird mit einem Lächeln gereicht, und Ronja atmet tief durch: „Ich werde mein Leben leben, ich werde das erreichen, was ich erreichen möchte. Wir Menschen sind zu viel mehr fähig, als wir selber denken.“  
Regen hat eingesetzt. „Ausgerechnet jetzt“, murmelt Ulli und streift sich die blaue Signalweste über. Gleich wird sie die blinde Frau zum ICE nach Frankfurt bringen, mit der sie gerade noch gemütlich einen Kaffee getrunken hat: „Abends sind die Züge immer so voll, und die Leute haben es dann immer so eilig – die merken das oft gar nicht, wenn wir da einen blinden Menschen am Arm begleiten.“   
Im hektischen Gedränge von Bahnsteig 6 bleibt die Sozialarbeiterin ganz ruhig. Dank ihrer Erfahrung ist der richtige Waggon sofort gefunden, und es bleibt sogar noch Zeit für einen kurzen Reisewunsch, bevor die automatischen Türen schließen. „So nehmen uns wahrscheinlich die meisten Menschen in Deutschland wahr. Die netten Begleiter am Bahnsteig mit den schrillen Jacken“, scherzt Ulli Siethoff, „was wir wirklich machen, wissen wohl die wenigsten. Ob für sie als Sozialarbeiterin die Reisebegleitung oder die Lebensbegleitung wichtiger ist, da will sich Ulli nicht festlegen: „Das Schöne an der Arbeit hier ist, einfach das zu tun, was im Moment gerade geht!“  
Zurück in den warmen Räumen der Bahnhofsmission trifft Ulli auf einen gut gelaunten Mark – ohne Hund. Mark hat lange mit Einrichtungsleiter Lindner-Jung in einem Nebenzimmer gesprochen. Seine Probleme lösen sich in solchen Gesprächen nicht in Luft auf: „Ich lebe von 351 Euro Rente. Das is‘ zum Leben echt zu wenig. Und welche Möglichkeiten hab ich schon mit meinem Lebensweg?“ Mark weiß ganz genau, wie „Leute wie er“ in der Gesellschaft betrachtet werden: „Hat dein Lebenslauf Lücken, wirst du schief angeschaut. Bist du zudem noch krank, ist eh alles zu spät.“ Lindner-Jung kann auch keine neues Lebensstrecke herbeizaubern, doch er kann einfach mal zuhören, da sein, Mark beim Ordnen helfen, damit er wieder seine Würde zurückzugewinnt. Schritt für Schritt. „Früher hatte ich viel Angst vor der Zukunft, doch in den letzten Monaten habe ich wieder mehr Mut gefasst.“ Gott spielt dabei eine große Rolle: „Ich vertraue in meinen Glauben, und es wird auch für mich weitergehen.“ Die Mitarbeiter der Würzburger Bahnhofsmission sind Mark eine Stütze auf seinem Weg, nicht Anfang und nicht Endstation – mehr eine Art „Reisebegleitung“ auf seinem individuellen Lebensweg.
Vielleicht ist der letzte Zug für Menschen wie Mark doch noch nicht abgefahren.


Ulli Siethoff bleibt sogar noch Zeit für einen kurzen Reisewunsch, bevor die automatischen Türen schließen.

22.05.2012
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