Aktuelle Ausgabe
2012-20

Abbé Benjamin ist Pfarrer im Senegal

Ein Priester für alle Fälle

von Harald Oppitz (KNA) 

Mit festen Schlägen hämmert Abbé Benjamin auf die „Glocke“ vor seiner kleinen Kirche und ruft so zum Abendgebet. Bei jedem Schlag blättert ein wenig Rost von der LKW-Felge, die der 58-Jährige als Glockenersatz an einem Baum befestigt hat. Der metallische Klang schwebt durch die Hitze über die trockenen Felder zu den Lehmhütten seiner Gemeindemitglieder in Farar, einem Dorf in der Steppe des Senegal.

Jetzt, am späten Nachmittag sind es hier rund 45 Grad im Schatten – doch Schatten ist kaum zu finden. In der Region wachsen kaum Bäume. Die 900 Bewohner leben von etwas Maniok und Hirse-Anbau sowie den Früchten der Erdnuss-Sträucher. Magere Kühe suchen im Steppensand nach dürren Grashalmen. Zum nächsten Ort mit befestigten Straßen, Stromversorgung und einigen kleinen Geschäften führt nur eine 30 Kilometer lange holprige Sandpiste. Kaum ein Dorfbewohner hat die rund 200 Kilometer entfernte Hauptstadt Dakar in seinem Leben bisher gesehen. Wer in Farar lebt, lebt wirklich „am Ende der Welt“.

Der freundliche ältere Herr mit Holzkreuz um den Hals wirkt als Priester für die 400 Christen des Dorfs. Ein bisschen ist Abbé Benjamin selbst ein Bauer: Auf dem Gelände seiner Pfarrei baut auch er etwas Maniok an. Ein paar Enten hält sich der Priester, um ab und zu etwas Fleisch auf dem Teller zu haben. Ansonsten unterscheidet sich sein Speiseplan nicht von dem seiner Schützlinge in den Dörfern Farar und Diop. Seit 2008 betreut der katholische Geistliche die beiden Gemeinden in der Region südlich der Stadt Diourbel im Bistum Kaolack. 

Sein Pfarrzentrum liegt ein paar hundert Meter außerhalb der Siedlung, doch der Pfarrer versieht seinen Dienst mitten in der Dorfgemeinschaft: Mit 30 bis 40 Prozent ist der Anteil von Christen an der Bevölkerung hier erstaunlich hoch, ist der Senegal doch ein muslimisch geprägtes Land.

„Das Zusammenleben von Christen und Muslimen funktioniert hier recht gut“, betont Pfarrer Benjamin. Wenn es ums tägliche Überleben gehe, sei der Nachbar zuerst Mensch – und dann Mitglied einer Religionsgemeinschaft: „Hunger kennt keine Religion.“ Nur gemeinsam könne man hier auf dem Land der Armut begegnen. 

Und so ist der katholische Priester auch ein guter Freund des muslimischen Dorfältesten – und ein gern gesehener Gast in dessen Haus. In regelmäßigen Treffen tauschen sich die Männer aus, schlichten Streitigkeiten zwischen Familien, kümmern sich um die Bildung der Kinder.

Trotz des christlich-muslimischen Dialogs ist es aber nicht immer leicht, als Christ in dieser ländlichen Umgebung zu leben, gibt Abbé Benjamin zu: „Natürlich gibt es manchmal auch Schwierigkeiten.“ So werden christliche Frauen bei einer Heirat mit einem Muslim oft dazu gedrängt, den Glauben zu wechseln. Muslime dürften dagegen nicht einfach zum Christentum übertreten. 

Für um so wichtiger hält der Priester seine Arbeit vor Ort: Es gehe auch darum, „eine Stellung zu halten“ – den Glauben vorzuleben und zu zeigen: Gott ist da bei den Menschen: „Um sie zu erreichen, muss man ihnen nahe sein. Ich muss mit ihnen zusammen leben – in ihrer Mitte.“

Und man ist für alles zuständig: Benjamin unterrichtet an der Dorfschule, besucht die Familien, kümmert sich um die Alten. Auch in wirtschaftlichen Nöten ist der Priester gefragt: „Wenn eine Familie nichts mehr zu essen hat, kommt sie zu mir, egal ob bei Tag oder Nacht.“ Wo er kann, helfe er mit Vorräten aus. Das sei ja wohl selbstverständlich. Und dann lacht Benjamin: „Ich bin hier auch Doktor!“ Die Menschen stehen auch mit Kopfschmerzen vor dem Pfarrhaus. Ist jemand schwer krank, oder liegt eine Frau in den Wehen, dann heißt es „Abbé, könnten Sie uns ins Krankenhaus bringen?“ Und so wird der Priester nicht nur zum Mittelsmann zwischen Gläubigen und Gott, sondern auch zwischen „Busch-Mensch“ und Zivilisation: Seelsorger, Krankentransporter und Entwicklungshelfer in einem.

Trotz aller Arbeit und den Kontakten über die Konfessionen hinweg gibt es für den Priester aber auch Zeiten der Einsamkeit in der Abgeschiedenheit der senegalesischen Steppe: „Die Dorfbewohner haben ihre Familien – meine nächsten Glaubensbrüder sind über 30 Kilometer weit entfernt.“ Da könne man sich abends nicht mal kurz zu einem Gespräch treffen. 

Benjamin würde sich freuen, wenn er die Arbeit in den beiden Gemeinden mit jemandem teilen könnte. Ein Priester ließe sich wohl finden, aber in der Missionsstation – dem Komplex aus Kirche, kleinem Pfarrhaus und Maniok-Acker – reicht der Platz nicht für einen zweiten Seelsorger. Und bisher fehlten die finanziellen Mittel für einen Neubau.

Doch nun will das katholische Hilfswerk missio einen Neubau unterstützen. Gregor von Fürstenberg, Vizepräsident des Hilfswerks, und missio-Schirmherrin Gundula Gause haben den Priester deshalb vor Ort besucht: „Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstlosigkeit sich Abbé Benjamin in den Dienst des Nächsten stellt“, zeigt sich die Nachrichtenfrau beeindruckt. „Wie Benjamin in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit in Solidarität mit der Dorfgemeinschaft lebt, ist für uns Europäer im Internet-Zeitalter kaum vorstellbar.“ 

Das Leben im Senegal sei schon in den besser entwickelten Regionen um die Städte stark von Armut geprägt, hat die Fernsehjournalistin festgestellt. „Hier auf dem Land geht es jedoch tagtäglich ums Überleben.“

Die Gesellschaft des Senegal ist geprägt von relativer Toleranz, und die demokratischen Strukturen des Landes locken viele politisch Unterdrückte aus den Nachbarstaaten an. Wirtschaftlich gesehen ist der Senegal jedoch weiterhin Entwicklungsland. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei 675 Euro (im Vergleich dazu in Deutschland: 28211 Euro). Mehr als die Hälfte der Menschen lebt unter der Armutsgrenze, in ländlichen Gebieten sogar bis zu 88 Prozent. 

Da zwei Drittel des Senegal in der Sahelzone liegen, sind nur zwölf Prozent seiner Fläche landwirtschaftlich nutzbar. Von den kargen Äckern müssen jedoch 70 Prozent der Bevölkerung leben.

Im Senegal leben ungefähr 800000 Christen, die Katholiken stellen etwa fünf bis sechs Prozent der knapp 13 Millionen Einwohner. Obwohl etwa 90 Prozent Muslime sind, ist die katholische Kirche in der früheren französischen Kolonie sehr präsent – und auch anerkannt in der Gesellschaft.„Muslime sagen häufig, die Christen seien ernsthafte, anständige, gewissenhafte Menschen“, erklärt Kardinal Theodore-Adrien Sarr, Erzbischof von Dakar und Vorsitzender der senegalesischen Bischofskonferenz. „Die Menschen hier schätzen das soziale Engagement der Kirche: ihre Schulen, ihre Gesundheitszentren. Sie wissen die Dienste der Kirche zu schätzen, die sie mit den sozialen Einrichtungen anbietet.“

Auch die Bischofskonferenz nehme immer wieder zu sozialen und politischen Fragen Stellung. Sarr ist sicher, dass die Bischöfe die Aufmerksamkeit auf wichtige Bereiche lenken können, die von der Regierung vielleicht vernachlässigt wurden. „Das hat sicher auch dazu geführt, dass die Kirche im Senegal hohes Ansehen genießt.“ 

Doch ihre Zukunft sei schwer einzuschätzen, betont der Kardinal: „Es könnte auch sein, dass der heute noch offene und tolerante Islam im Senegal unter äußeren Einflüssen eine andere Entwicklung nehmen wird.“ Um so wichtiger sei die Arbeit im ländlichen Bereich von Priestern wie Abbé Benjamin, sagt der Erzbischof: „Wir müssen für ihren Dienst dankbar sein.“

Gundula Gause hat bei ihrem Projektbesuch in Farar selbst erfahren, wie anstrengend es sein kann, in der brütenden Hitze mit einem Pflug zu arbeiten: „Die Menschen hier verdienen unseren vollen Respekt – und unsere Solidarität.“ Ihre Achtung gilt hierbei auch dem Priester, der nicht nur Maniok anpflanzt, sondern auch die Botschaft des Evangeliums jeden Tag aufs Neue aussät: „Hierbei würde ich ihm nur von Herzen mehr Begleitung und Unterstützung wünschen.“


22.05.2012
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