Aktuelle Ausgabe
2012-20

Georg Korting macht sich auf die Spuren des Paderborner Jesuitenpaters Vitus Georg Tönnemann

Ein Paderborner Jesuit am Wiener Hof

Paderborn. Ein Forschungsprojekt der Theologischen Fakultät erinnert an den aus Höxter stammenden Jesuiten Vitus Georg Tönnemann. Jetzt ist das Buch dazu erschienen

von Richard Schleyer 

Im Eingangsbereich der Paderborner Theologischen Fakultät hängt ein Gemälde, das einen geistlichen Herrn in prunkvollem Gewand abbildet. Lange Zeit wusste keiner genau, wen das Bild darstellt. Erst als bei einer Restaurierung eine zuvor verborgene Eintragung entdeckt wurde und nach Nachforschungen in den Annalen des Paderborner Jesuitenkollegs fanden die Paderborner Theologen heraus: Das Gemälde zeigt den Jesuitenpater Vitus Georg Tönnemann. 

Der Pater, ein anerkannter Rechtsgelehrter, war 34 Jahre lang, von 1705 bis 1740, Beichtvater und Berater Kaiser Karls VI. gewesen. Die Theologische Fakultät startete ein Forschungsprojekt und beauftrage Dr. Georg Korting, dem Lebensweg des Paters nachzuspüren, der ihn von Höxter über Paderborn an den Kaiserhof und die Universität in Wien geführt hatte. Kortings Buch erschien nun im Verlag Ferdinand Schöningh.

Tönnemanns Vater war in Höxter als fürstlich-corveyischer Richter und Gograf tätig. Der junge Vitus Georg lernte also früh, sich in höfischen Kreisen zu bewegen. Er begann sein Studium in Paderborn, trat dort 1677 in den Jesuitenorden ein und sollte sich auf eine theologische Universitätslaufbahn vorbereiten. Er arbeitete als Dozent für Philosophie am Paderborner Kolleg, als er von seinem Orden mit einer ersten heiklen diplomatischen Mission beauftragt wurde. Moritz von Büren hatte seinem Orden die Herrschaft Büren vermacht. 

Doch andere erbberechtigte Parteien prozessierten gegen den Orden und verhinderten, dass die Jesuiten ihr Erbe antreten konnten. Pater Tönnemann wurde nun nach Wien entsandt, um dort beim Reichshofrat, dem zuständigen höchsten Gericht, die Sache der Jesuiten voranzubringen. Pater Tönnemann spann persönliche Fäden zum Kaiserhof, politisch-diplomatische zu den anderen Prozessparteien und bildete sich an der Universität juristisch zum absoluten Fachmann heran. Er führte nicht nur die Prozesse zu einem guten Ende. Er sicherte den Jesuiten die Herrschaft Büren auch durch einen diplomatisch-politischen Ausgleich, der in Billigung und mit Auftrag des Kaisers zustande kam. Die Herrschaft Büren wurde nicht selbstständiger Ordensstaat, sondern erkannte die Landeshoheit des Paderborner Fürstbischofs an. Der brandenburgische Kurfürst wurde zum Verzicht auf seine Erbrechte veranlasst, indem der Wiener Kaiserhof zustimmte, dass den Kurfürsten von Brandenburg künftig die Würde eines Königs in Preußen zukommt.

Inzwischen war der Wiener Hof auf den ebenso weltgewandten und umgänglichen wie fleißigen und gelehrten Jesuitenpater aufmerksam geworden. Kaiser Leopold bestimmte ihn zunächst 1701 zum Prinzenerzieher und 1705 zum Beichtvater seines Sohnes Karl, der in Spanien als König residierte. Als Leo-pold starb, wurde Karl sein Nachfolger und Pater Tönnemann blieb kaiserlicher Beichtvater und Ratgeber bis zu seinem Tod im März 1740. 

Unter Pater Tönnemanns Beratertätigkeit vollzog der Wiener Hof die religionspolitische Wende von einer kompromisslosen Rekatholisierung hin zu einem auf Sicherung des Bestehenden bedachten Kurs des Ausgleichs zwischen den Konfessionen in Deutschland. Pater Tönnemann begleitete mehrere evangelische Fürsten, die zum katholischen Glauben übertreten wollten; er entwickelte aber ebenso eine Freundschaft zu dem evangelischen Reichsgrafen Zinzendorf, für dessen Herrnhuter Brüdergemeinde sich Tönnemann öfter verwandte. Der Pater fädelte auch den politischen Deal ein, nachdem die Lipper Grafen zu Fürsten erhoben wurden und dafür den  Paderborner Jesuiten das Kloster Falkenhagen zurückgaben. 

So sorgte Pater Tönnnemann von Wien aus für seine Heimat. In der Nikolaikirche in Höxter werden bis heute ein kostbarer Kelch und eine Monstranz aufbewahrt, die Tönnemann gespendet hat.

 

 


22.05.2012
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