Aktuelle Ausgabe
2012-20

Vor 100 Jahren starben die Gründer des Roten Kreuzes

Ein Leben für die Menschlichkeit

Dies ist die Geschichte der großen Idee eines gescheiterten Geschäftsmanns und seines Rivalen. Am 30. Oktober vor 100 Jahren starb der Schweizer Henri Dunant, verarmt und zurückgezogen in Heiden am Bodensee. Ohne ihn gäbe es das Rote Kreuz nicht und auch nicht das humanitäre Völkerrecht. Aber ohne die Unterstützung seines bis heute weitgehend unbekannten Freundes und späteren Widersachers Gustave Moynier wäre aus Dunants Idealismus vielleicht nie Realität geworden.

Text und Fotos: 

Katharina Ebel (KNA) 

Solferino, 24. Juni 1859: Henri Dunant blickt auf das Schlachtfeld, das österreichische und italienische Truppen hinterlassen haben: 40000 Verwundete, Sterbende und Tote, um die sich keiner kümmert. Der Schweizer hat schon als Kind seine Mutter bei Armen- und Krankenbesuchen begleitet, jetzt ist er eigentlich auf dem Weg zu Napoleon III. Dunant ist erschüttert, er zögert nicht lange: Seinen Kutscher schickt er in die nächste Stadt, um Nahrungsmittel, Medizin und Verbandsmaterial zu besorgen. Er überzeugt die Frauen von Castiglione delle Stiviere, sich um die Verwundeten zu kümmern.

Nach seiner Rückkehr in Genf schreibt Dunant unter dem Eindruck dieses Schlüsselerlebnisses das Buch „Eine Erinnerung an Solferino“. Darin schlägt er vor, „irgendeine internationale, rechtsverbindliche und allgemein hochgehaltene Übereinkunft zu treffen, die, wenn sie erst festgelegt und unterzeichnet ist, als Grundlage dienen könnte zur Gründung von Hilfsgesellschaften für Verwundete“. Die Idee des Roten Kreuzes ist geboren.

„Jeder ist für alles vor allen verantwortlich.“ Das Zitat des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski findet sich heute an der Wand des Rot-Kreuz-Museums in Genf. Es erinnert die Besucher an die Universalität der Menschenrechte. Das Haus pflegt das geistige Erbe Dunants.

Ihm zur Seite steht Gustave Moynier, ein Rechtsanwalt aus seiner Heimatstadt. Dunants Buch hat beide zusammengebracht. Moynier wird 36 Jahre als Präsident an der Spitze der Rotkreuz-Bewegung stehen, doch heute erinnert sich kaum einer an ihn. Stets gilt der charismatische Calvinist Dunant als Initiator der ältesten weltweiten Hilfsorganisation. „Eine Idee zu haben ist das eine. Sie dann auch umzusetzen eine andere“, sagt der Historiker und langjährige Rot-Kreuz-Delegierte Francois Bugnion.

Dunant verteilt sein Buch auf eigene Kosten in ganz Europa an Politiker, Adelige und einflussreiche Persönlichkeiten, um sie für seine Mission zu gewinnen. „Er war wohl der Überzeugung, eine Aufgabe von Gott erhalten zu haben“, vermutet Bugnion. Das Buch macht Dunant schnell über die Schweiz hinaus bekannt und öffnet ihm viele Türen. An seiner Seite stets Moynier. Der Jurist bemüht sich, die passenden Strukturen zu schaffen, um Dunants Ideen auch umsetzen zu können. Der Idealist und der Pragmatiker sind sich nicht immer einig über den richtigen Weg.

Bei den Wohltätigkeitsorganisationen findet Dunants Vorschlag, eine zivile Verwundetenfürsorge einzurichten, Anklang. Doch niemand traut sich zu, so etwas international durchzusetzen. Es ist Moynier, der nicht aufgibt und Überzeugungsarbeit leistet, bis schließlich am 9. Februar 1863 das „Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“ gegründet wird.

Der Jurist geht sogar noch weiter. Im Namen des Komitees lädt er Vertreter der europäischen Staaten zu einem internationalen Kongress nach Genf ein. Moynier will erreichen, dass endlich nationale Hilfsgesellschaften entstehen und Regeln zum Schutz von Helfern und Verwundeten im Krieg aufgestellt werden. Nur ein halbes Jahr später einigen sich zwölf Staaten auf die erste Genfer Konvention und die Gründung freiwilliger Hilfsgesellschaften.

In einer Vitrine im Museum ist die Armbinde mit dem typischen roten Kreuz auf weißem Grund zu sehen, die einst Moynier gehörte. Gleich gegenüber ein Dokument mit seiner Unterschrift: das Original der 1. Genfer Konvention von 1864. Mit Moynier unterschrieben General Dufour, Dunant sowie die beiden Ärzte Appia und Maunior die Gründungsurkunde des humanitären Völkerrechts. Das vergilbte Papier mit den fünf Siegeln ist das älteste der heute noch gültigen Genfer Abkommen.

Zehn Resolutionen werden angenommen über Organisation, Rechte und Pflichten der freiwilligen Helfer auf dem Schlachtfeld. Das Wichtigste: Den Sanitätern wird der neutrale Schutz durch die kriegführenden Parteien garantiert. In den Ländern entstehen nationale Komitees, die den Sanitätsdienst der Heere unterstützen. In Friedenszeiten sammeln sie Hilfsmaterial und bilden Krankenpfleger aus. Als Erkennungszeichen für die Helfer dient – über Fronten hinweg – die weiße Armbinde mit dem roten Kreuz. Das Internationale Komitee in Genf übernimmt das Logo in seinen Namen.

Dunants Idee macht Geschichte. Geschäftlich läuft es für ihn weniger gut. Seine Unternehmungen in Nordafrika geraten ins Wanken, er kann sich wegen seines Rot-Kreuz-Engagements nicht mehr so intensiv wie früher darum kümmern. Schulden häufen sich auf, am Ende steht der Konkurs. Der Held der Humanität ist privat pleite. Aus Scham verlässt Dunant 1867 seine Heimatstadt.

Doch es kommt noch schlimmer. Fünf Jahre später schließt das Internationale Rote Kreuz seinen Protagonisten aus. Moynier ist an Dunants Verdrängung nicht unbeteiligt und legt ihm auch später noch manchen Stein in den Weg. Damit verliert Dunant das einzige, womit er in seinem Leben Erfolg hatte. Es folgen Jahrzehnte ruhelosen Umherziehens in halb Europa. Ende des 19. Jahrhunderts ist der verarmte Menschenfreund praktisch vergessen. 

Da nimmt sich die Witwe des russischen Zaren seiner an und gewährt ihm eine jährliche Rente. Späte Anerkennung wird Dunant 1901 mit dem erstmals verliehenen Friedensnobelpreis zuteil. Zwei Jahre später folgt noch ein Ehrendoktorat. Zu einer Versöhnung mit Moynier kam es indes nicht mehr: 1910 sterben beide innerhalb eines Vierteljahres.


22.05.2012
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