Gedanken zum Evangelium
Ein Handeln, das Frucht bringt
Die Mitarbeit im „Weinberg des Herrn“ ist keine Einladung zur Selbstbedienung, sondern zum Dienst für andere.
von Reinhard Bürger
In vielen Gemeinden wird in diesen Tagen Erntedank gefeiert. Zahlreiche Häuser und Kirchen sind auch in unserer industrialisierten Welt mit Erntegaben geschmückt. Obst und Gemüse werden aber immer noch auf Feldern oder in Gärten angebaut und geerntet und wir sind dankbar dafür, dass uns die Schöpfung Gottes so reichhaltig beschenkt.
Eher zufällig fällt in diese Erntezeit das Evangelium mit dem Gleichnis von der Weinlese und von den gewalttätigen Winzern. Ein anderes Weinberggleichnis geht diesem voraus. Offensichtlich ist für Jesus der Weinberg ein sehr deutlicher und für sich sprechender Vergleich mit dem Reich Gottes. Ein Weinberg ist ein Bild für die Fülle des Lebens, die Trauben wachsen einem fast in den Mund, und „der Wein erfreut des Menschen Herz“, wie es im Psalm 104 heißt. Und an anderer Stelle (Psalm 80) wird das ganze Volk Israel mit einem Weinstock verglichen.
Ein Weinberg bedeutet aber auch anpacken, kultivieren, arbeiten, Ergebnisse liefern. Die von Jesus angesprochenen Amtsträger sind aber offenbar mit etwas anderem beschäftigt: sie wollen sich selbst bereichern, und dafür greifen sie zu allen Mitteln. Sie verstehen aber durchaus das Gleichnis und merken, dass sie selbst gemeint sind. Jesus übt durch das Erzählen des Gleichnisses scharfe Kritik an den korrupten politischen und geistlichen Würdenträgern. Er entlarvt ihr Verhalten als egoistisch und raffgierig. Sie gehen über Leichen.
Im Gleichnis spielt auch der Sohn des Winzers eine Rolle. Er wird von den gottvergessenen Autoritäten getötet. Dieses Motiv ist bereits ein Hinweis auf die Passion Jesu, die sich an diese Auseinandersetzung anschließt. Heraushören kann man die große Enttäuschung Jesu: wie viel Zuwendung hat Gott investiert! Es hat nichts gefruchtet, es ist nichts dabei herausgekommen. Leider verschweigt uns die Leseordnung die beiden letzten Verse des Gleichnisses (45,46). Sie bringen die Betroffenheit und die Reaktion der Angesprochenen zum Ausdruck.
Der Frust, der in dem Gleichnis aufscheint, spiegelt auch unsere heutige Situation wider. Pharisäertum erleben wir auch heute, wenn Menschen um sich selber kreisen, sich selbst für die Frömmsten halten und andere bekehren wollen. Frömmigkeit kann hohl und sehr veräußerlicht sein. Und manche Katecheten klagen, dass von dem, was sie den Kindern in der Vorbereitung auf die Sakramente vermitteln, nur wenig nachhaltig ist. Sie fragen: Was kommt dabei raus? Der „Weinberg des Herrn“ scheint wirklich eine große Baustelle zu sein. Alte Stützmauern und Strukturen tragen nicht mehr und werden eingerissen und man versucht, neue zu bauen. Vieles, was vor wenigen Jahren noch blühte, ist vertrocknet. Kompetenzen sind nicht klar, Fähigkeiten liegen brach, gutwillige Arbeiter werden rausgeekelt. Wo sollen da leckere Früchte wachsen können? Ich finde mich darin auch selbst wieder und frage mich: wo sind meine Früchte? Oder stehe ich mit leeren Händen da? Habe ich das Richtige getan? Isoliert betrachtet und auf den ersten Blick erschließt sich dem Hörer in diesem Gleichnis keine Frohbotschaft, eher eine Drohbotschaft. Erst im Zusammenhang mit der folgenden Passion kann man erahnen, dass es hier doch um eine Botschaft des Lebens geht. Die Menschen sollen aus der tödlichen Verstrickung in egoistisches Verhalten befreit werden zu einem Handeln, das Früchte bringt für andere. Ein ernsthaftes Leben aus dem Glauben zeigt Wirkung und hat spürbare und sichtbare Konsequenzen. Und das ist doch für uns eine Frohe Botschaft.







