Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gemobbt, ausgestoßen, vergessen, wiederentdeckt: Margaretha Flesch

Eckstein unserer Tage

Der Blick auf den Klosterberg zeigt einen Teil des Lebenswerkes der Mutter Rosa – geliebt und gemobbt zugleich.Foto: Sonnen

Sie war eine Frau von ungeheurer Tatkraft und Dynamik. Sie hatte einen unerschütterlichen Glauben. Und schier unfassbar ist heute ihre Demut und Leidensfähigkeit. Doch der Reihe nach. Aus heutiger Sicht passt die unlängst in Trier selig gesprochene Margaretha Flesch zu einem Satz aus dem heutigen Evangelium: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden.“

von Bruno Sonnen

Geboren wurde Margaretha Flesch am 24. Februar 1826 als erstes Kind der Eheleute Johann Georg und Agnes Flesch in einer Mühle bei Vallendar. Der Vater war Ölmüller, die Mutter entstammte einer Schifferfamilie. Nach dem frühen Tod der Mutter 1832 und des Vaters weitere zehn Jahre später übernimmt sie die Verantwortung für die siebenköpfige Familie. 1851 folgt sie dem Ruf Gottes und zieht mit ihrer Schwester Marianne in eine Klause bei Neuwied. Den Lebensunterhalt verdienen sich die beiden Schwestern durch Nähen und Flicken, Kräutersammeln, Waisenbetreuung und ambulanter Krankenpflege. Sie spenden Trost und leisten „erste Hilfe“, als noch keiner davon spricht. Margaretha Flesch ist eine Frau von großer Ausstrahlung; erste Gefährtinnen schließen sich ihr an. Am 13. März 1863 gründet sie die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Waldbreitbach. 15 Jahre später wirken in 22 Filialen der Gemeinschaft bereits über 100 Schwestern.
Heute werden vom Waldbreitbacher Klosterberg aus mehr als 50 Einrichtungen gesteuert. Die Marienhaus GmbH der Franziskanerinnen von Waldbreitbach betreibt Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime, Kinder- und Jugendhilfeeinreichtungen, Hospize, Bildungseinrichtungen und Begegnungszentren in Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Hessen und Nordrhein-Westfalen. Über 11000 Frauen und Männer beschäftigt das Unternehmen heute.
Die Saat, die Mutter Rosa gesät hat, ist aufgegangen. Die Ordensgründerin hat Geschichte geschrieben, eine Erfolgsgeschichte. Der vorläufige Abschluss und Höhepunkt dieser Geschichte war die Seligsprechung der Mutter Rosa Flesch, wie sie als Ordensfrau hieß, am 4. Mai im Trierer Dom. Die Seligsprechung als „logische“ Folge des Erfolgs? Nicht ganz, und theologisch sowieso nicht.
Denn diese Seligsprechung ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil es sie eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Zumindest nicht, wenn es nach dem Willen derer gegangen wäre, die dafür sorgten, dass Mutter Rosa 1878 beim vierten Generalkapitel als Generaloberin abgewählt und an den Rand gedrängt wurde. Ihre Gegenspieler, der damalige Rektor Konrad Probst und Schwester Agatha Simons, stellten die Gründerin buchstäblich kalt, machten sie mundtot, bespitzelten sie, versuchten zu verhindern, dass sie die Geschichte ihres Ordens und ihres Lebens aufschrieb, grenzten sie gnadenlos aus. Über die genauen Gründe, Vorfälle, die einen Anlass hätten geben können, rätseln die Historiker jedoch bis heute. Nur wenige Quellen gibt es aus jenen Jahren. Etliche Aufzeichnungen, die Mutter Rosa machte, wurden vernichtet.
Bis zu ihrem Tod am 25. März 1906 lebte sie als einfache Ordensschwester im Mutterhaus in Waldbreitbach. Als sie starb, wussten die meisten Mitschwestern schon nicht mehr, dass es sich bei der stillen, demütigen und gehbehinderten Schwester Rosa, die sie als Herstellerin von Paramenten und als Kräutergärtnerin kannten, um die Ordensgründerin handelte.
Demütig und bescheiden, aber mit unerschütterlichem Gottvertrauen hat Rosa Flesch so die letzten 28 Jahre ihres Lebens verbracht. Sie nahm dieses Los auf sich, um nicht das ganze Werk zu gefährden. Gleichwohl sorgte sie mit Hilfe ihrer Mitschwester Marzella Schumann – einer der wenigen vertrauten Menschen, die ihr geblieben waren – dafür, dass die Geschichte der Gründerjahre des Ordens und ihre Lebensgeschichte in Stücken festgehalten wurde. Aus der Zeit des Streits konnte sie nur wenige Fragmente aus dem Kloster bringen und dem Bischof zukommen lassen.
Gemobbt, ausgestoßen, vergessen, wiederentdeckt: so ließe sich das Leben der Müllerstochter Margaretha Flesch und Ordensgründerin Mutter Rosa charakterisieren. Sie sei nicht nur „eine Pionierin der christlichen Nächstenliebe“, sagte der Kölner Kardinal Joachim Meisner bei der Feier der Seligsprechung, sondern auch eine „Patronin der stellvertretenden Sühne“. Als Patronin der Mobbingopfer heutiger Tage ließe sie sich auch bezeichnen; aus dem Stein, den die Bauleute ihres Ordens verworfen haben, ist ein Eckstein des Glaubens für heute geworden.


22.05.2012
Impressum | Kontakt
4002