Wie der Kasseler Hans Dinant seine Talente
„Du kannst nur gewinnen“
Kassel. Hans Dinant empfängt Besucher wie einen Bruder. „Fühl dich wohl; was möchst’n essen?“ Vor uns steht Obstkuchen, den er gerade beim teuersten Bäcker der Stadt gekauft hat. Dabei muss Hans jeden Cent drei Mal umdrehen. Mit der Hälfte von Hartz IV kann er gerade seine Wohnungsmiete und die Telefonkosten bezahlen. Neun Euro darf er jeden Tag ausgeben, wenn er genau rechnet. Und das, obwohl er alle Talente dieser Welt besitzt. Eigentlich hätte richtig etwas aus ihm werden können. Eigentlich.
von Ludger Verst
Hans rechnet im Zweifel zugunsten des Anderen. Gestern noch hat er als Auktionär einer alten Dame bei einer „Fair-Steigerung“ geholfen: 800 Euro für ein peruanisches Kinderhilfswerk waren aus einer alten Sammlung von Bildern, Büchern und anderem Hausrat zusammengekommen, nachdem die 80-jährige Besitzerin in eine Seniorenresidenz umgezogen war. Hans arbeitet ehrenamtlich. „Ich freu mich für die Kinder“, sagt der Mann mit kräftiger Tenorstimme.
Hans ist Musiker von Beruf. Seine Westerngitarre, eine Martin D 35-S, steht allzeit bereit in seinem kleinen Arbeits- und Wohnzimmer. Sie ist sein verlässlichster Freund, hat ihn bald sein halbes Leben durch Sieg und Niederlage begleitet. Stolz zeigt der 58-Jährige sein altes Stück: da und dort ein Riss im Holz, einige dicke Farb- und Wasserspuren. Erstaunlich, wie hell und klar dieses Instrument noch klingt.
Doch nicht nur die Gitarre hat Geschichte. Seit 1971 ist Hans unterwegs in musikalischer Mission. In den meisten Folkclubs der Nation hat er schon gespielt; bei Festivals und auf Kleinkunstbühnen ist er ein gern gesehener Gast. Spielte er anfangs noch internationale Songs und Lieder von Hannes Wader, so gehören inzwischen vor allem eigene Stücke zu seinem Repertoire, Lieder über Gefühle, Liebe und Abschied, über Dinge des Alltags, eben das, was jeden beschäftigt. Und weil der Gitarrist aus Kassel seine Lieder ganz offen und ehrlich einfach so aus dem Leben nimmt und singt, nennen sie ihn respektvoll den „Balladenhüter“.
Hans‘ Talent ist seine Vielseitigkeit. Er ist Sänger, Texter, Gitarrist, Komponist, DJ und Chorsänger. Durch seine breit gefächerte Begabung habe er sich nie wirklich anstrengen müssen, erzählt er. Ihm sei immer alles zugeflogen. „Und weil der liebe Gott mir so viel anvertraut hat, muss das alles auch heraus aus mir. Das ist wie mit den Talenten. Du darfst sie nicht vergraben, du musst sie in Umlauf bringen“, sprudelt es aus ihm heraus. Das sonore Timbre seiner Radiostimme ist in diesem Moment über alles glaubhaft. Und in der Tat: Weit über hundert Lieder und Chansons sind aus dem Erfahrungsschatz des Lebenskünstlers bereits hervorgegangen. Dabei wäre aus Hans Dinant Mitte der Siebziger um ein Haar ein Sport- und Englischlehrer geworden.
Die Fotos, die er zeigt, viele in Schwarz-Weiß, verraten: Hans sucht den direkten Draht zu den Zuhörern. In ihren Gesichtern will er lesen, ob er sie mit seinen Liedern wirklich erreicht. „Je mehr und je ehrlicher ich gebe, desto mehr empfange ich“, sagt einer, dessen Erfahrungen mit dem Geben nicht immer nur ein gutes Ende hatten. Vor gut zehn Jahren war der Musiker aus einer Trennung nur mit erheblichen Verlusten herausgekommen, nachdem er zuvor „ein ganzes Vermögen in das gemeinsame Haus gesteckt“ hatte.
In der Kasseler Südstadtgemeinde weiß man, dass Hans montags einen festen Termin im Käthe-Richter-Haus hat. Wenn der Balladensänger ins Seniorenheim der AWO kommt, singen sie im Chor die alten Schlager und Volkslieder. Und dort lässt sich der Balladensänger auch anrühren, als bei „Lili Marleen“ und dem „Rennsteiglied“ in den Augen der Demenzkranken das Leuchten beginnt.
„Der Hans ist sich nicht zu schade, mit seiner Musik selbst ganz in den Hintergrund zu treten, betont Pfarrer Wieboldt von der Johannesgemeinde, der den Musikus von der Aktion „Gesegnete Mahlzeit“ im Gemeindehaus kennt. „Für unsere Gäste hat der Hans ein Segenslied geschrieben“, und er zeigt auf den Text, der dort längst als Gebet die Runde macht: „… Liebe mag dich gut begleiten, achtsam dich ans Leben führ’n; wenn die Zweifel in dir streiten, sollst du ihre Wahrheit spür’n. …“Und dann wie ganz natürlich stellt sich der Hans in die Reihe der Hungrigen an der Essensausgabe. Auf dem Rückweg vom Gemeindehaus frage ich ihn, ob er mir das mit der Wahrheit noch etwas genauer erklären könne: „Wie kannst du im Zweifel eine Wahrheit spüren?“ Nachdenklich, ein wenig irritiert schaut er mich an: „Glaub nicht, dass es für einen Universaldilettanten wie mich immer leicht ist im Leben. Aber eins weiß ich: Ich bin Musiker, und nur diese Leidenschaft zählt.“
Als ich mich von Hans verabschieden will, zögert er: „Warte! Ich spiel dir noch den Song für meinen alten Freund ‚Horsti’. Horst, mit dem er viele Jahre lang Live-Musik gemacht hat, ist schon seit über zehn Jahren tot. Für seine Beerdigung hatte er damals den Text und die Melodie komponiert. „Spiel ich das Lied, sitzt mir mein Freund lebendig gegenüber. Weißt du“, und nun greift er zu seiner Gitarre, „wenn du an das Leben glaubst, kannst du vieles loslassen. Du kannst dabei nur gewinnen.“







