Wer bekommt schon von seinem Vater
„Du bist mit Gold nicht aufzuwiegen“
Viele junge Männer sehnen sich nach dem Wohlwollen, der Anerkennung und dem Segen ihres Vaters. Sie träumen davon, einmal zu hören, was Jesus bei seiner Taufe erfuhr.
von Sibylle Brandl
Es ist eine muntere Runde, die da in Feierlaune zusammensitzt. Die Mainzer Laienspielgruppe zwölfPLUSeins begießt die erste Aufführungen ihres „Hamlet“. Zur Erinnerung: Hamlet war jener dänische Prinz in dem Drama William Shakespeares, der seinen ermordeten Vater rächen soll. So zumindest der Auftrag eines Geistes, angeblich seines Vaters. Hamlet, der seinen Vater zutiefst liebt und verehrt, forscht nach und erfüllt den Racheauftrag. So sehr, dass seine ganze Familie umkommt.
„Gedenke meiner“ und „Räche mich“ sind die Sätze, die Hamlet vom Geist seines Vaters hört. Dabei sehnt er sich eher nach Bestätigung und Liebe, sehnt sich nach Worten wie aus dem Sonntagsevangelium: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“.
In der Theatertruppe kommt die Frage auf: „Wie ist das mit dieser Sehnsucht? Die Sehnsucht, vom Vater zu hören: Ich liebe dich, weil du mein Sohn bist. Mir gefällt, was du tust. Weil du es tust, egal wie du bist?“ Bedingungslose Liebe, ohne Erfüllungsauftrag, ohne die vielen „Richtig“ einer Berufswahl, Heirat, Firmenübernahme usw. Haben wir, fragen sich die jungen Laienschauspieler, von unseren Vätern gehört: Ich liebe dich?
Ganz schnell steht bei den Anwesenden – alle um die Vierzig – ein „Aber natürlich!“ im Raum. Der 45-jährige Bernd R. bleibt zunächst ruhig und holt dann etwas aus. „Mein Vater hat das nie ausdrücklich so gesagt, aber in seinen Handlungen war das schon deutlich. Das habe ich daran gemerkt, dass ich von ihm immer unterstützt wurde, er sich für mich eingesetzt und mir geholfen hat. Das war noch mal ein anderes Gefühl als bei meiner Mutter, die eher mütterlich beschützend ist.“ Der Vater von Ralf (42) ist vor wenigen Wochen an Krebs gestorben. Ihnen blieben drei Monate. Den Satz des Evangeliums hat er gehört. „An dem Wochenende, an dem mein Vater mir von seiner Diagnose erzählt hat, hat er mir auch einen Zettel geschrieben, dass er mich liebt. Dass wir uns lieb haben, war mir vorher schon ganz klar, aber so wortwörtlich hat er es erst ab da gesagt. Den Zettel habe ich noch immer da liegen.“ Diese Söhne sind sich einig: Sie hatten Väter, von denen sie sich anerkannt und geliebt fühlen. Hamlets Schicksal ist ihnen erspart geblieben.
Dominik Bruchof (25) aus Neuwied, lebt nach seiner Ausbildung zum „Mediengestalter Bild und Ton“ wieder bei seinen Eltern, damit er studieren kann, als dritter von insgesamt vier Brüdern.
Ähnlich wie Bernd meint auch Dominik: „Mein Vater hat das natürlich nie so gesagt wie im Evangelium, aber schon mit anderen Worten ausgedrückt.“ Und mit einem stolzen Lächeln erinnert er sich: „Grad heut morgen hat mir mein Vater, als er aus der Kur zurück kam, gesagt: Du bist mit Gold gar nicht aufzuwiegen.“ Auf den erstaunten Blick seines Gegenübers hin ergänzt er: „Sowas in der Art sagt er mir öfter. Ich glaube, dass er das meinen Brüdern genauso sagt. Wir haben da noch nicht drüber geredet.“
Dominiks Vater Günter (61) ist von Beruf Krankenpfleger. Mit dem Bibelzitat konfrontiert sprudelt es förmlich aus ihm heraus. „Also das antiquierte Bibeldeutsch verwende ich sicherlich nicht. Aber ‚Ich hab dich lieb‘ oder so ähnlich, das sage ich meinen Kindern oft.“ Und er erklärt das mit dem Verhältnis zu seinem eigenen Vater. „Ich hab dich lieb oder ich bin stolz auf dich – nein, von meinem Vater habe ich das nie gehört. Deshalb habe ich mir auch angewöhnt, das meinen Kindern immer wieder zu sagen. Die brauchen das, jeder braucht das, auch ein erwachsener Sohn. Das habe ich sogar noch als 50-Jähriger von meinem Vater gesucht – unbewusst natürlich – aber nie bekommen.“
Und dann holt er weiter aus: „Schon ganz früh – ich glaube ich war fünf – hat mein Vater so was ähnliches gesagt wie: Wenn du glaubst, dass du rumfaulenzen kannst und als Erwachsener noch die Füße unter meinen Tisch steckst, bist du schief gewickelt! Das hat mich damals tief verletzt und auch später habe ich das noch häufig so von ihm gehört.“ Daher vermeidet er bei seinen Kindern diesen Leistungsdruck, ergänzt aber schmunzelnd: „Dann passiert es natürlich wie jetzt, dass die über alle Berge sind und ich mit dem ganzen Weihnachtsgedöns alleine dastehe, aber das meinen die nicht böse. Wir haben ein gutes Verhältnis untereinander, da fühlt sich keiner benachteiligt.“
Über einen Kamm scheren ließen sich seine Söhne nicht, doch das tue der Liebe keinen Abbruch, auch Eltern lernen: „Mein Ältester hat uns schon von klein auf nur Freude gemacht, ein richtiger Überflieger. Da haben wir anfangs den Fehler gemacht, dies auch von unseren anderen Kindern zu erwarten. Da mussten wir dann doch umlernen. Dominik hat sehr lange gesucht mit seiner Berufswahl und braucht jetzt auch noch unseren Rückhalt. Aber: Der kann alles, wenn was kaputt ist oder nicht richtig geht, dann kommt der und bringt das in Ordnung. Dann heißt es schon: Wir müssen auf Dominik warten. Der hat ne Engelsgeduld, ist nie übellaunig.“ Und wie Günter Bruchof das erzählt, schwingt richtig Stolz über seine Söhne mit.







