Kundgebung des Landvolks geißelt die für viele Betriebe ruinöse Milchpreispolitik
Die Zauberformel lautet: Solidarität
Paderborn. Die Milch und der für sie derzeit gezahlte niedrige Preis waren das zentrale Thema der Landvolkskundgebung im Rahmen des Paderborner Liborifestes. Rund 1 000 Teilnehmer waren in die Paderborner Sporthalle am Maspernplatz gekommen, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Schon vor dem Eingang machte eine Initiativgruppe mit ihrer Plastikkuh „Faironika“ auf die niedrigen Milchpreise aufmerksam und baten um eine symbolische Patenschaft für ihre „Kuh“ und ihre Aktion. „Fressen und gefressen werden? Vom Mythos der ländlichen Solidarität“ lautete das Thema der Veranstaltung.
von Gerd Vieler
„Die Milcherzeuger haben ein Recht auf faire und gerechte Preise. Die Milch muss einen Preis erzielen, der nicht nur die Kosten deckt, sondern den Bauernfamilien, die täglich unter hohem Einsatz ein hochwertiges Produkt erzeugen, ein Auskommen ermöglicht“, sagte Prof. Dr. Konrad Schmidt, Direktor der veranstaltenden Landvolkshochschule Hardehausen, in seiner Begrüßung. Derzeit gebe es nicht nur eine Kontroverse zwischen Landwirten und Konsumenten, sondern auch eine erbitterte Auseinandersetzung innerhalb des Berufsstandes selbst. Die häufig geschilderte Solidarität und der Gemeinschaftssinn unter den Landwirten sei aufgrund der wirtschaftlichen Situation auf eine arge Zerreißprobe gestellt.
Das Aufgeben vieler Hofstellen führe in einer Art Dominoeffekt zu einem weiteren Ausbluten des ländlichen Raumes.
Auf diese Problematik wies auch Erzbischof Hans-Josef Becker in seinem Beitrag hin. Weithin spiegelten die heutigen Dörfer alles andere als ländliche Idylle wider. Auch in den Landkreisen sei der Rückgang der Einwohnerzahl gravierend. „Unser Erzbistum verliert jedes Jahr rund 15 000 Gläubige nicht durch Kirchenaustritte, sondern durch Rückgang der Geburtenzahlen“, sagte Becker. Dazu kämen noch die höchst alarmierenden Wegzüge der 18- bis 35-Jährigen, die ihrer Ausbildung, des Studiums und dann des Arbeitsplatzes wegen zum Beispiel nicht in den Hochsauerlandkreis oder in den Kreis Höxter zurückkommen würden. Gerade diese Altersgruppe würde aber dringend für die Kommunalpolitik, das Vereinsleben, das aktive Pfarrgemeindeleben benötigt.
Die Frage der Solidarität stellte auch der Festredner Dr. Martin Berges, Direktor der Landwirtschaftskammer NRW. Angesichts des tiefgreifenden Wandels sei eine verstärkte Solidarität bereits festzustellen wie etwa bei den aktuellen Bestrebungen zur Stabilisierung des Milchpreises. Immerhin habe in NRW in den vergangenen Jahren mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe aufgegeben. „Wurden 1979 noch über 102 000 Betriebe gezählt, so sind es aktuell noch rund 47 500 Höfe“, sagte Berges. Jeden Tag würden drei Höfe sterben, rechnete der Kammerdirektor vor.







