NRW-Bauminister Oliver Wittke über die zukünftigen Aufgaben der Stadtplanung
„Die Stadt ist das sichtbare Zeugnis der Zeit“

- Oliver Wittke wurde am 24. September 1966 in Marl geboren, er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau sowie seinen beiden Söhnen in Gelsenkirchen. Seit dem 24. Juni 2005 ist er Minister für Bauen und Verkehr in Nordrhein-Westfalen. Als Abgeordneter gehört er dem nordrhein-westfälischen Landtag seit dem 10. Dezember 2007 an.
Der Städtebau steht derzeit vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen. Nicht zuletzt der demografische Wandel oder der Klimaschutz tragen dazu bei, dass sich das Erscheinungsbild unserer Städte in den kommenden Jahrzehnten stark verändern wird. NRW-Bauminister Oliver Wittke nimmt in seinem Gastbeitrag für diese Dom-Ausgabe dazu Stellung. Dabei geht er auch auf die Rolle der Kirchen ein.
von Minister Oliver Wittke
Als Städtebauminister liegt mir die Architektur, das Erscheinungsbild unserer Städte sehr am Herzen. Aber dies nicht nur um seiner selbst willen, sondern, weil sich in der Erscheinungsform auch immer der Zeitgeist und die Seele der Gesellschaft widerspiegelt. Die nordrhein-westfälische Landesregierung unterstützt mit einer Reihe von Initiativen und Förderangeboten Kommunen und Planungsträger dabei, funktionierende und lebenswerte Städte zu erhalten oder auch wieder herzustellen.
Die „Initiative StadtBauKultur NRW“ greift das Erinnerungs- und Identitätsbedürfnis der Menschen auf und leitet daraus Forderungen an das zukünftige Bauen ab. Sie setzt auf drei Schwerpunkte: Denkmalschutz und Denkmalpflege, um das bau- und gartenkulturelle Erbe zu erhalten, Verbesserung der Aufenthalts- und Lebensqualität der öffentlichen Räume in der Stadt und Steigerung der Gestaltqualität, indem neue Bauwerke entweder harmonisch eingefügt oder als positive Akzente genutzt werden.
StadtBauKultur geht über einen rein ästhetischen Gestaltungsanspruch hinaus, weil es immer auch um nachhaltige und kreative Lösungen von aktuellen Aufgaben wie beispielsweise Struktur, demografischem Wandel oder Klimaschutz geht. Das heißt freigewordenen Räumen ein neues Gesicht zu geben, damit sie nicht als ungelöste Resträume zur Last fallen, sondern das Städtische wieder bereichern. Das heißt auch, ältere Gebäude energetisch zu optimieren, ohne ihnen ihre Gestaltqualität zu nehmen oder sie ihnen durch die Sanierung vielleicht sogar erst zu geben.
Baukultur stellt sich in die Tradition der europäischen Stadt, weil sie sich in gleicher Weise der Nützlichkeit, Schönheit wie der Dauerhaftigkeit verpflichtet fühlt. Die Stadt ist das sichtbare Zeugnis der Zeit, das sich festmacht an öffentlichen Räumen, Parks und Plätzen und an Gebäuden mit hohem Symbolwert. Diese sind unverwechselbare Orte des täglichen Lebens und Erinnerungsräume mit großer Identifikationskraft. Es gibt kaum Bauwerke, die dies deutlicher machen als die dominanten Sakralbauten, die Kirchen. Doch gerade die Kirchen spüren die Folgen des demografischen Wandels und leiden unter der abnehmenden Bindung ihrer Mitglieder. Der Umgang mit dem Leerstand von Kirchengebäuden steht deshalb auf der Agenda, nicht nur im Ruhrgebiet, sondern landes-, ja bundesweit. Und er hat, wie die schwierigen Entscheidungs- und Vermittlungsprozesse vor Ort zeigen, nicht nur eine städtebauliche Dimension sondern viel mehr noch eine gesellschaftspolitische.
Die Symbolwirkung eines Kirchengebäudes kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Kirchen haben neben ihrer liturgischen Funktion als Ort der Verkündigung von Gottes Wort auch Bedeutung als Orientierungs- und Treffpunkte im Stadtgefüge. Die Menschen identifizieren sich mit den Gotteshäusern weit über das Liturgische hinaus. Das wird besonders deutlich, wenn Kirchen aufgegeben werden sollen. Denn spätestens dann setzen sich viele Bürger, selbst diejenigen, die am kirchlichen Leben nur noch sporadisch oder gar nicht teilnehmen, vehement für die Erhaltung „ihrer“ Kirche ein. Ob Kirchengebäude aufgegeben werden müssen oder nicht, ob sie gar abgerissen werden sollen oder nicht, ist in allererster Linie aber eine kircheneigene Angelegenheit. Handelt es sich dabei um Baudenkmäler, spätestens dann sind aber auch die Kommunen und das Land als Denkmalbehörden gefordert, mit über deren Zukunft nachzudenken. Denn es gilt, diese oft markanten Architekturzeugnisse unserer abendländisch christlichen Baukultur über neue, der ehemaligen Kirche angemessene Folgenutzungen über die Zeit zu retten.
Es ist ein Anliegen dieser Landesregierung, den Kirchen wie den Kirchengemeinden vor Ort bei diesen schwierigen Entscheidungsprozessen zu helfen. Gerade hier setzt das in meinem Hause ins Leben gerufene „Modellvorhaben Kirchenumnutzungen“ an. Es verfolgt das Ziel herauszufinden, was mit bestimmten Kirchentypen, die ganz oder zum Teil nicht mehr als Kirchen genutzt werden sollen, geschehen kann und auf welchen Wegen man zu guten Ergebnissen gelangt. Auf Vorschlag der Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche, der kommunalen Spitzenvertretungen und der Denkmalpflege wurden gemeinsam mit meinem Hause 14 Modellobjekte ausgewählt, an denen prototypisch und einzelfallbezogen Lösungswege erprobt werden sollen. Ich bin gespannt auf die Arbeitsergebnisse, die Anfang 2009 vorgestellt werden. Daraus müssen dann alle Beteiligten gemeinsam Folgerungen in konzeptioneller wie auch finanzieller Hinsicht ziehen.






