Aktuelle Ausgabe
2012-20

Erfahrungen eines Gefängnisseelsorgers

Die Schuld kommt zur Sprache

Seelsorgegespräch im Gefängnis.

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ So lautet der bekannteste Satz aus der Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin. Weniger häufig zitiert wird der Schlusssatz: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“. Wie klingt das in den Ohren von Menschen, die Schuld auf sich geladen haben? Erfahrungen eines Gefängnisseelsorgers.

von Gert Friedrich

„Die Szene mit der Ehebrecherin war einmal Thema bei einem Gottesdienst in der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen bei Leipzig“, erzählt Pater Bernhard Kuhn. Einen Häftling hat sie sehr berührt, er sagte in dem Gespräch: „Ich bereue meine Schuld und bitte Gott um Verzeihung. Es herrschte Erstaunen in dem Raum“, erinnert sich der Salesianer genau, obwohl seitdem gut ein Jahr vergangen ist.
Warum der junge Mann im Gefängnis saß, weiß Kuhn nicht. „Ich habe nie gefragt: Was hast du auf dem Kerbholz?“, sagt der Geistliche, der seit dreieinhalb Jahren Gefangenenseelsorger in Regis-Breitingen und Chemnitz ist. „Dass jemand, der im Gefängnis sitzt, Schuld auf sich geladen hat, eine Sünde begangen hat, ist ja klar. Da muss ich nicht nachbohren. Bei der Ehebrecherin war auch klar, dass sie gesündigt hat. Jesus hat da nicht nachgehakt.“
Völlig ausgeblendet wird die Vergangenheit nicht. Die Schuld kommt zur Sprache, wenn es darum geht, das eigene Tun zu bewerten und aus Fehlern zu lernen. „Ich lenke auch den Blick auf das eigene Verhalten“, erzählt Kuhn: „Warum habe ich so gehandelt? Wie hätte ich besser mit der Situation, mit der Person umgehen können? Sind wirklich die Anderen schuld, die Eltern, die Gesellschaft? Es ist ganz wichtig, einzusehen, dass man etwas falsch gemacht hat und jetzt dafür gerade steht.“ Die Frage sei nicht „Was hast du verbockt?“, sondern „Wie stehst du dazu?“
Allerdings kann diese Frage nicht am Anfang stehen. Auch wird sie weniger aktiv gestellt, sondern stellt sich im Laufe der Zeit selbst. Fast alle deutschen Gefangenen in diesen Anstalten haben zuvor noch nie etwas von Gott und Glauben gehört, einen Beichtstuhl vielleicht in einem Film gesehen. Die meisten kommen zum Gottesdienst, weil sie gern eine Abwechslung haben, weil sie gern mit jemandem von draußen sprechen wollen, weil sie gern Musik hören oder singen, vielleicht weil sie gespannt sind, was ein Gottesdienst ist, berichtet Bernhard Kuhn. Mit der Begebenheit im Johannesevangelium ist es gut möglich, eine Brücke zu schlagen.
Jesus lässt im Raum stehen, dass die Frau eine Sünde begangen hat. Er zeigt ihr, dass jene die Menschen, die sie aus dem Leben stoßen wollen, selbst Sünder sind und kein Recht dazu haben. Und dass sie auch für ihn, der ohne Sünde ist, nicht Dreck oder Staub ist, sondern ein Mensch, Geschöpf Gottes, eine Schwester. Pater Kuhn und andere Seelsorger machen im Prinzip dasselbe: „Die Gefangenen merken: Da sind Menschen, die mich nicht nach dem Gesetz beurteilen; da sind Menschen, die mich annehmen aus der inneren Überzeugung, dass jeder Mensch seine guten Seiten hat. Das tut gut. Es erleichtert viele, wenn wir ihnen sagen, sie können darauf vertrauen, dass Gott sie ebenso annimmt und ihnen die Chance gibt, neu anzufangen.“
Ob dem Gefangenen, den die Begebenheit mit der Ehebrecherin so bewegt hat, der Neuanfang gelungen ist, kann Pater Kuhn nicht sagen. Er ist Begleiter für die Zeit in der Haftanstalt. Ebensowenig steht in der Bibel, ob die Ehebrecherin von da an wirklich nicht mehr gesündigt hat.
Bei einigen Häftlingen zeichnet sich ab, dass sie früher oder später wieder im Gefängnis sitzen. „Es gibt Gefangene, die mir ins Gesicht sagen, ich muss in mein gewohntes Umfeld zurück. Aber es gibt andere, die aus dem Teufelskreis ausbrechen wollen, die sich Ziele setzen und ihr Leben zum Guten wenden wollen“, sagt Bernhard Kuhn. Die Quintessenz dessen, was er mit auf den Weg gibt, lautet so: „Schau her: Du hast Fehler und Schwächen; die musst du eingestehen und kannst daran arbeiten. Einer der dich dabei unterstützt, ist Gott. Er gibt dir die Chance, neu zu beginnen, und hilft dir, dein Leben zu meistern, weil er dich liebt.“
Viele fragen sich natürlich, wie Gott sie unterstützen kann. „Vielleicht durch ein gutes Wort eines Mitmenschen, bei der Suche nach Wohnung und Arbeit. Gott schickt dir Hilfe, du musst sie nur sehen wollen“, antwortet Pater Kuhn dann.
Bei einem Glaubenskurs in Regis-Breitingen wird häufig nach Ostern gefragt, sagt Kuhn. Deshalb will er beim Ostergottesdienst auf die Fragen eingehen: Warum hat Gott seinen Sohn gesandt? Und warum ist Jesus gestorben? „Gott ist den Menschen nahe“, sagt Kuhn, „er liebt sie, wie sie sind, fordert sie aber auch auf, neu anzufangen. Sein Sohn ist für uns gestorben und hat uns so von der Schuld befreit.“ Die Osterbotschaft als Freiheitsbotschaft hinter Gittern.


22.05.2012
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