Ausstellung dokumentiert die Reichspogromnacht im Kreis Paderborn
Die Schande von Paderborn
Kreis Paderborn. Die Feuerwehr steht tatenlos dabei und schaut zu wie die Paderborner Synagoge abbrennt. Angesteckt hatten die Synagoge zwei Angestellte der Paderborner Stadtverwaltung: der Fuhrparkleiter der Stadt, Otto Nagorny, und der Stadtbaurat Dr. Herbert Keller. Eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Region beleuchtet die Ausstellung „9.11.1938 – Reichspogromnacht in Ostwestfalen-Lippe“, die noch bis zum 27. Juni im Foyer der Paderborner Kreisverwaltung zu sehen ist.
Das Foto von den Paderborner Feuerwehrleuten, die zuschauen, wie dicke Rauchschwaden aus der Synagoge dringen, ist das Titelfoto der Ausstellung und eines Begleitheftes. Die von der Oberin des St.-Vincenz-Krankenhauses verständigte Feuerwehr beschränkte sich darauf, die Nachbargebäude zu schützen.
Die Reaktion zu den Pogromen war in Paderborn geteilt. Der damalige Landrat berichtete dem Regierungspräsidenten in Minden, „der überwiegende Teil der Bevölkerung, der noch unter dem Einfluss zentrümlicher und kirchlicher Kreise steht, lehnt die Aktion gegen die Juden jedoch ab“. Stark kirchlich gebundene Kreise hätten sich „besonders ungehalten“ gezeigt, dass die Gotteshäuser der Juden in Brand gesetzt worden seien. Vom „Volkszorn“, der sich am 9. und 10. November 1938 spontan entladen hätte, könne jedenfalls keine Rede sein, konstatiert die Ausstellung. Der Pogrom wurde von langer Hand in Berlin vorbereitet, vor Ort allerdings auch umgesetzt. Nennenswerten Widerstand seitens der Bevölkerung gab es nicht, allenfalls Kritik hinter vorgehaltener Hand. Mindestens 47 Synagogen in Ostwestfalen-Lippe fielen so der Zerstörungswut zum Opfer, wenigstens sieben jüdische Friedhöfe wurden während der Pogromnacht geschändet.
Doch auch Menschen kamen zu Schaden. Im Deutschen Reich wurden etwa 400 Menschen ermordet, mindestens drei waren es in Ostwestfalen-Lippe. Der Salzkottener Alex Cohn starb an den Folgen von Misshandlungen. In Höxter starb David Schlesinger, als er beim Transport im Kübelwagen der SA von Albaxen nach Höxter aus dem Wagen stürzte oder hinausgeworfen wurde – das blieb ungeklärt. Zu besonders exzessiven Misshandlungen kam es in Bad Lippspringe. Dort wurden sechs Juden von einer Menschenmenge stundenlang brutal gequält und fast ertränkt. Das Gerichtsverfahren nach dem Krieg war symptomatisch für die juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen in der jungen Bundesrepublik. Die sechs Angeklagten, die sich laut Pressebericht „eins ins Fäustchen lachten“, wurden 1949 vom Schwurgericht Paderborn freigesprochen. In den Zeitungen wurde dies als „Schande von Paderborn“ bezeichnet.
Die Wanderausstellung, die bereits in Detmold und Minden zu sehen war, wurde für den Kreis Paderborn noch einmal speziell aufbereitet. Die Archivare des Erzbistums, des Kreises und der Stadt Paderborn fügten noch einige Stellwände hinzu, die die Gewalttaten in Salzkotten, Paderborn, Bad Lippspringe und Haaren dokumentieren. Zwar seien die Geschehnisse bereits alle bekannt, sagte Kreisarchivar Wilhelm Grabe. Erstmalig würden aber alle Ereignisse aus der Region gesammelt dargestellt.
Kritik an einem Aspekt der Ausstellung äußerte der Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Paderborn, Prof. Dr. Hubert Frankemölle. Als Beispiel für die Instinktlosigkeit bei der Aufarbeitung nach 1945 wird in der Ausstellung die Auseinandersetzung um eine große Party an der Universität Paderborn am 9. November 2000 angeführt. Symptomatischer findet Frankemölle aber die Gala, die 19 heimische Firmen ausgerechnet am 9. November 1988, dem 50. Jahrestag der Pogrome, in der Paderhalle in Paderborn ausrichteten. Einige feierten dabei auch noch 50-jähriges Firmenjubiläum – womöglich als Nutznießer der Enteignung jüdischer Geschäfte, vermutet Frankemölle.Markus Jonas
Zu der Ausstellung ist eine Broschüre kostenlos erhältlich im Kreisarchiv in Büren, Tel. 0 2951/ 9 70 - 226, sowie im Stadtarchiv Paderborn, Tel. 05251 / 88 - 15 93.







