Der Jesuit Dr. Eckhard Bieger über die Frage, warum Glaube Gemeinschaft braucht
„Die Religion, die in meinem Inneren stattfindet, sucht das Gespräch“

- Dr. Eckhard Bieger wurde am 20. Februar 1939 geboren. Seine Jugend verbrachte er im Ruhrgebiet. 1959 trat er in den Jesuitenorden ein und wurde 1970 zum Priester geweiht. Von 1982 bis 2003 war Eckhard Bieger Beauftragter der katholischen Kirche beim ZDF. Seit 1984 ist er Leiter des Medienprogramms der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt.
Braucht der Glaubende die Gemeinschaft mit anderen? Für einen Christen eigentlich keine Frage: Die Gemeinschaft ist einer der zentralen Aspekte der christlichen Religion. Der Jesuit Dr. Eckhard Bieger legt in seinem Gastartikel dar, dass echter Glaube die Gemeinschaft von sich aus sucht. Denn, so sein Fazit: „Ohne Gemeinschaft würden wir Jesus nur oberflächlich verstehen.“
von P. Dr. Eckhard Bieger SJ
Ich soll ganz persönlich glauben. Ich kann nicht nur die anderen glauben lassen und mich auf den Standpunkt zurückziehen, dass ich meine Zustimmung in der Schwebe lassen könnte. Jeder ist persönlich in den Glauben gerufen und zugleich gibt es nur Glauben in der Gemeinschaft. Das betrifft nicht nur den christlichen Glauben, sondern jedwede Form von Weltanschauung.
Kein Glaube ohne eine Sprachgemeinschaft: Sprache ist nicht angeboren, wir lernen sie, ob Englisch, Japanisch oder Deutsch. Wir müssen in eine Sprachgemeinschaft hineinwachsen, um dann sprechen zu können. Da jeder Glaube durch Sprache vermittelt wird, ist Glaube nicht ohne Sprachgemeinschaft möglich.
Kein Glaube ohne gedeutete Erfahrung: Jeder von uns geht seinen eigenen Glaubensweg. Bestimmend sind nicht nur der Regionsunterricht und der Gottesdienst. Es muss dem etwas im Inneren korrespondieren, persönliche Erfahrungen. Viele Menschen, die als Kinder nicht unterrichtet und in den Gottesdienst mitgenommen wurden, kommen durch persönliche Erfahrungen dem Religiösen auf die Spur. Wenn wir die Bibel lesen, beten, einer Predigt zuhören, beziehen wir das Gehört auf eigene, oft innere Erfahrungen. Nun könnte man daraus schließen, dass es auch nur mit den inneren Erfahrungen geht und eigentlich Religionsunterricht und Predigt für denjenigen, der auf seine inneren Erfahrungen hört, überflüssig werden. Aber ich muss nicht nur innere Erfahrungen haben, sondern diese auch verstehen, indem ich sie mit anderen Erfahrungen verbinde und mit anderen ins Gespräch komme, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Denn das Innere wird erst zur Erfahrung, wenn es gedeutet wird. Ohne Deutung bleiben es nur Empfindungen. Das lässt sich auch beobachten; Wer durch innere Eindrücke, beispielsweise, dass es mehr geben muss, auf das Religiöse aufmerksam wird, der fängt an zu lesen und sucht Gesprächspartner. Es ist eigentlich nicht anders als nach einem Filmbesuch. Wenn der Film uns bewegt hat, suchen wir das Gespräch, wollen uns austauschen, den Film besser verstehen. Die Religion, die in meinem Inneren stattfindet, sucht das Gespräch.
Für den Christen kommen noch zwei wichtige Aspekte hinzu. Der erste lautet „Christwerden heißt, Jesus verstehen.“ Wer Christ wird, hat mit Jesus etwas zu tun. Er muss von Jesus etwas erfahren. Jesus hat über das religiöse Leben Entscheidendes gesagt. Da gleicht er Moses, Mohammed und auch Buddha. Wer sich an ihnen orientieren will, muss sich mit ihrer Lehre vertraut machen.
Bei Jesus ist es vor allem die Bergpredigt. Aber im Unterschied zum Islam ist es nicht nur die Lehre, die die Bibel vermittelt, sondern es ist der Lebensweg Jesu, den man kennenlernen muss. Es ist ein konkreter Weg, an dessen Ende das Kreuz steht. Jesus hat nur Andeutungen gemacht, wie sein Kreuzweg verstanden werden kann. Die entscheidende Deutung des Kreuzestodes liegt in der Tatsache der Auferstehung. Jesus ist mit den Wundmalen seines Leidens in eine andere, eine himmlische Existenz hinüber gegangen. Das hat er zuerst den Frauen, die ihm gefolgt waren, und dann seinen Jüngern durch Erscheinungen mitgeteilt.
Diese Begegnungen mit dem Auferstandenen hat die Anhänger Jesu wieder zusammengeführt. Klassisch erzählt wird es von Kleophas und seinem Gefährten, die Jesus in dem Begleiter erkannt haben. Sie sind nicht in Emmaus geblieben, sondern nach Jerusalem zurück geeilt. Die Emmausgeschichte zeigt, wo wir dem Gekreuzigten und Auferstandenen begegnen: Beim Brotbrechen, in der Eucharistie.
Gott will uns nicht allein als Glaubende: Jesus ist der Messias des Volkes Gottes. Auch wenn er nicht von der damaligen religiösen Autorität anerkannt wurde, er hat stellvertretend für die zwölf Stämme des Volkes Israel die Apostel berufen und mit ihnen den Bund Gottes mit seinem Volk erneuert. Wie die zwölf Apostel ist jeder Christ persönlich gerufen, aber in die Gemeinschaft des Volkes Gottes.
Wir haben hin und wieder das Gefühl: Ohne die Gemeinschaft der Kirche wäre es einfacher zu glauben und wäre unser Glaube vielleicht auch intensiver. Aber sind es nicht die Heiligen und Glaubende heute, die uns erst den Zugang zu einem tieferen Glauben eröffnen? Ohne Gemeinschaft würden wir Jesus nur oberflächlich verstehen.






