Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Die Ordnung wird auf den Kopf gestellt

Dr. Thomas Witt ist Dechant des Dekanates Büren-Delbrück und Leiter des Pastoralverbundes Delbrück und Sudhagen.

In der Ohnmacht seiner Liebe am Kreuz wird die Macht Jesu deutlich und sichtbar. 

von Thomas Witt 

Könige und Fürsten sind auch heute noch Identifikationsfiguren. Ganze Länder wollen sich in ihnen dargestellt wissen. Und sie nehmen entsprechend teil am Leben der Monarchen: Königliche Hochzeiten sind Publikumsmagnete. Alle wollen dabei sein und haben offenbar den Eindruck, dass ein wenig vom Glanz des Monarchen auch auf sie fällt, wenn sie direkt oder am Fernsehen dabei sind. Man identifiziert sich mit diesen Menschen, die an der Spitze des Staates stehen.

Jesus geht den umgekehrten Weg: Er identifiziert sich mit den Menschen. Er will erkannt werden in den Leidenden, den Hungernden, den Obdachlosen und Gefangenen. Er identifiziert sich mit denen, die wir oft aus unserer Wahrnehmung verdrängen. Wie oft kommt es vor, dass Arme, Obdachlose und Bettler aus Innenstädten und manchmal sogar von Kirchen vertrieben werden, weil sie das Bild der Stadt stören? Hier stellt Jesus die Ordnung dieser Welt auf den Kopf. Er, der Herr, der König, der Richter am Ende der Welt, will gerade in denen erkannt werden, die wir aus unserem Blickfeld verdrängen möchten.

Dabei belässt es Jesus nicht bei Worten. Er selbst geht den Weg der Verachteten und Verfolgten. Er wird Herr über alle in dem Moment, in dem er von der Erde erhöht wird – am Kreuz.

Wenn die Kirche Christus als Sieger und König feiert, dann ist es der König auf dem Kreuzesthron, der in den Blick rückt. Gerade die Kombination von König und Kreuz, von Herr und Diener macht deutlich, dass Jesu Herrschaft nicht von dieser Welt ist und dass sie ganz anderen Maßstäben folgt.

Die Herrschaft dieser Welt misst sich an Macht und Einfluss; sie will anerkannt und geehrt sein. Häufig genug hat sie ihre Größe nicht aus sich heraus, sondern durch die Unterdrückung der anderen. Die anderen müssen klein gehalten werden, damit man selbst größer erscheint.

Über all diesem Streben des Menschen, das es bei Großen und bei Kleinen gibt, stellt Jesus sein Wort: „Bei euch aber soll es nicht so sein.“ Wer bei den Jüngern Jesu der Größte sein will, der soll zum Diener aller werden, wie es Jesus selbst vorgelebt hat.

Was ist die Grundlage dieser Umkehrung aller Werte, die von vielen ja als bloßer Idealismus und Weltfremdheit angesehen wird? Grundlage all dessen ist die Macht, die alles zusammenhält und doch oft so ohnmächtig erscheint: die Liebe. Jesu ganze Existenz bezeugt die Liebe, die am Anfang von allem steht und in der allein die Vollendung zu finden ist. Er bezeugt den Gott, der die Liebe ist. Aus Liebe hat er die Welt erschaffen. Aus Liebe lässt er den Menschen, der sich aus eigener Schuld von ihm getrennt hat, nicht ins endgültige Verderben rennen, sondern sendet seinen eigenen Sohn. Aus Liebe nimmt Jesus das Elend des Menschen auf sich bis zur letzten Konsequenz, bis zum Kreuz. Und es ist diese bis ins letzte durchgetragene Liebe, die den Sieg sogar über den Tod erringt.

Der Weg der Liebe, den Jesus weist, ist keine reine Entsagung und Askese. Immer wieder bezeugen es die Menschen, die sich ganz auf Jesu Liebe eingelassen haben, dass sie gerade so zur größten Freude gefunden haben. Jesu Königsherrschaft hat nicht das Ziel, sich auf Kosten anderer zu erfreuen, sondern er will, dass wir in seiner Freude leben und dass unsere Freude vollkommen wird. Die vollkommene Freude ist aber nur in der vollkommenen Liebe zu finden. Die Hinwendung zu Jesus und seiner Liebe ist immer nur auf den ersten Blick eine Einschränkung und ein Verzicht. In Wirklichkeit eröffnet sich eine neue Welt, in der Freiheit keine Beliebigkeit ist, sondern Freiheit für die größere Liebe.

 

 


22.05.2012
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