Seit über 565 Jahren gibt es ein besonderes Himmelfahrtsfest
Die Meereshochzeit von Cervia
Jedes Jahr an Christi Himmelfahrt gibt es in Cervia, dem bekannten Badeort an der italienischen Adria zwischen Ravenna und Rimini, ein Spektakel der besonderen Art. Die Stadt feiert an diesem Tag zusammen mit der katholischen Kirche die Meereshochzeit „Sposalizio del Mare“. Das Fest hat inzwischen eine über 565-jährige Tradition.
Text: Joachim Ostowski
Fotos: Peter Hageneder
Schon zwei Tage vor der eigentlichen Meereshochzeit geht es in dem Ort drunter und drüber. Im historischen Zentrum werden Bühnen, Bretterbuden, Tische und Bänke aufgebaut. Verschiedene Krämermärkte bieten Spezialitäten der Region an – Salami, Parmaschinken, Salz. Die typischen Strandbäder der Adria sind geöffnet. Und wer Lust hat, kann an dem kilometerlangen Strand Spaziergänge machen, Muscheln sammeln oder auch eine der vielen Strandliegen, die hier in Reih und Glied stehen, für ein ausgiebiges Sonnenbad nutzen.
Cervia gehörte lange Zeit zum Vatikan und ist berühmt für sein Salz, das seit Jahrhunderten in den Salinen bei der Stadt aus dem Meerwasser gewonnen wird. Das feine „Sale fiore“ oder „Sale dei Papi“ (Salz der Päpste), das zuerst abgeschöpft wurde, war stets für den Papst bestimmt. Bis Ende des 17. Jahrhunderts lag der Ort mitten in den Salinen, doch die hohe Feuchtigkeit verursachte bei der Bevölkerung Gesundheitsprobleme: Viele Menschen starben an Malaria und so wurde die Stadt auf Geheiß von Papst Innozenz XII. in den Jahren 1691 bis 1712 Stein für Stein abgebaut – und an der heutigen Stelle wieder aufgebaut. Ein Kanal führt vom Meer an das alte Salzlager und den Turm „San Michele“, der zur Verteidigung des „weißen Goldes“ diente.
Wie jedes Jahr am Tag der Meereshochzeit sind die Menschen in der Stadt und viele Gäste aus dem Umland auf den Beinen. Auch in diesem Jahr wird der Erzbischof von Ravenna-Cervia, Giuseppe Verucchi, einen Gottesdienst in der Kathedrale von Cervia feiern und dabei die große Bedeutung der Meereshochzeit für die Stadt und die Kirche hervorheben. Für ihn zeigt das Fest mit der jahrhundertelangen Tradition den starken Zusammenhalt zwischen der Stadt und der Kirche.
Die Meereshochzeit selbst geht auf das Jahr 1445 zurück. Damals kam der Bischof von Cervia, Pietro Barbo, aus Venedig zurück und geriet in einen furchtbaren Sturm. Der Legende nach segnete er das Meer und warf seinen Ring in das Wasser. Auf diese Weise konnte er die See beruhigen und Schiff und Matrosen retten. Der Bischof legte das Gelübde ab, jedes Jahr am Himmelfahrtstag die Zeremonie zu wiederholen – bis heute wurde die Tradition gepflegt. Als dieser Bischof unter dem Namen Paul II. Papst wurde, ließ er im Innengarten des „Palazzo Venezia“ in Rom sogar einen Brunnen mit dem Namen „Sposalizio del Mare“ bauen.
Bei der historischen Zeremonie tauchen die jungen Männer der Stadt Cervia in den Fluten der Adria nach dem Ring, der das Wohlergehen der Stadt für ein Jahr bewahren soll. Die Verbundenheit der Kirche zu diesem Fest zeigte sich auch im Jahr 1986, als Papst Johannes Paul II. Ehrengast bei der traditionellen Feier war.
Angeführt von Fahnenschwingern aus der Keramikstadt Faenza ziehen nach dem Gottesdienst Gruppen in traditionellen venezianischen Kostümen, als Salinenarbeiter mit einem der typischen Salz-Schubkarren und Musikkapellen, in einem großen Umzug von der Kathedrale zum Hafen. Dort warten bereits Hunderte von Menschen in Dutzenden kleiner und großer Boote darauf, endlich in See zu stechen. Dann fährt schließlich auch das Schiff des Erzbischofs mit den Honoratioren von Cervia und den Ehrengästen auf das offene Meer.
Was wie ein riesiges Durcheinander auf dem Wasser aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine von der Küstenwache hervorragend dirigierten Symphonie für Schiffe und Boote. Das Fischerboot des Erzbischofs steuert auf eine von Bojen markierte Stelle im offenen Meer zu und wartet, bis alle anderen Schiffe und Boote ihre Positionen rund um dessen Heck eingenommen haben. Zwischendrin huschen kleine Boote der jungen Männer von Cervia, die den Startschuss kaum erwarten können.
Dann, endlich, segnet Erzbischof Verucchi das Meer und den Ring. Nun gibt es bei den jungen Schwimmern kein Halten mehr. Sie springen ins Wasser, jeder will den besten Platz hinter dem Schiff des Erzbischofs ergattern. Wenn dieser dann den Ring in das Wasser wirft, muss man schon ein wenig Fortune haben. Marcello Maiocchi, ein 19-jähriger Student, war im vergangenen Jahr der glückliche Fänger.
Begleitet von einem lauten Hupen der Nebelhörner feierten er und seine Mannschaft – allesamt aus Fischerfamilien – noch auf dem Meer ihren Erfolg ausgiebig. Und schon jetzt steht fest: Auch in diesem Jahr werden sie wieder mit dabei sein.







