Gedanken zum Evangelium
Die Kunst, seine Feinde zu lieben
Die Feindesliebe ist eine ständige Provokation, seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten zu überschreiten.
von Achim Funder
„Viel Feind, viel Ehr“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Ein paar gut gepflegte Feindschaften machen oft erfolgreicher als moralinsaure Harmonieübungen. Denn Feindschaft spornt an. Das Prinzip: Feinde sind die interessanteren Zeitgenossen, sie fordern uns am meisten. Wirkliche Gegner kennen uns und unsere Schwächen gut genug. Sie halten uns einen Spiegel vor und geben uns so die Chance, an unseren Fehlern zu arbeiten und zu wachsen. Honoré de Balzac sinnierte klug: „Wo es keine Feinde gibt, können keine Siege gefeiert werden.“
„Liebet eure Feinde“, mahnte bereits Jesus Christus seine Jünger. Sicher, er hatte dabei mehr im Sinn als persönliches Wachsen und Reifen. Dennoch ist es eine ebenso tiefsinnige wie provokante Aussage – und wohl nicht zuletzt eine der größten Herausforderungen des Lebens. Es bedeutet, in dem anderen – trotz oder gerade wegen seiner Feindseligkeit – einen liebenswerten Mitmenschen zu sehen, der genauso Macken und Kanten hat wie wir alle und deshalb auch das Recht, respektiert zu werden. Zugegeben, das ist alles andere als leicht, je nachdem welche Tat vorausging.
Was spricht dafür, seine Feinde zu lieben? Wer seine Feinde liebt, findet Frieden. Rache hat noch nie ein Unrecht gut gemacht. Und Hass heilt keine Wunden. Er betäubt allenfalls kurzfristig den Schmerz. Wer seine Ressentiments pflegt und seine Feinde bekämpft, läuft große Gefahr, dass ihn seine Wut und Verbitterung innerlich auffressen. Vergebung dagegen beendet die Wutspirale, schließt die Vergangenheit ab und spendet wieder Frieden.
Wer seine Feinde liebt, gewinnt Selbstachtung. Die Leute zu lieben, die einem wohlwollen, ist kinderleicht. Reife erlangt nur, wer Herausforderungen bewältigt, die über seine bisherigen Grenzen hinausgehen. Und stärker zu sein als seine Instinkte, verleiht enorme Selbstachtung.
Wer seine Feinde liebt, wird zum Vorbild. Wer sofort zurückschlägt, weil er verletzt wurde, beweist nicht gerade einen souveränen Charakter. Jemand, der seinen Leidenschaften jedes Mal erliegt, taugt nicht zum Vorbild. Wer dagegen Ruhe bewahrt, gibt die bessere Figur ab.
Wer seinen Feind liebt, verändert ihn. Jeder erwartet, dass man feindselige Attacken zurückschlägt. Wenn man aber das Unerwartete und völlige Gegenteil tut, zerstört man das Spiel und gewinnt den Krieg. Man entzieht dem Feuer das Öl. Nicht selten leitet allein das einen Sinneswandel auf beiden Seiten ein.
Wer seine Feinde liebt, schafft sich einen Freund. Aus besten Freunden können Todfeinde werden. Das geht aber auch umgekehrt. Die Welt- und Menschheitsgeschichte ist voll von Kriegen, aber auch von großen Versöhnungen. So soll der US-Präsident Abraham Lincoln noch während des Bürgerkriegs über die verfeindeten Südstaaten gesagt haben: „Zerstöre ich nicht meine Feinde, wenn ich sie zu meinen Freunden mache?“ Und gerade jemand, der bisher erbittert anderer Leute Schwächen verfolgte, hat oft genug Talent, diesen zum besten Freund zu werden – siehe Paulus.
Zugegeben: die Praxis der Feindesliebe ist schwerer als die Theorie. Aber eben nicht unmöglich. Wer das Evangelium und die Bergpredigt Jesu kennt, hat die besten Karten dafür, Feindesliebe zu verwirklichen.







