Aktuelle Ausgabe
2012-20

Spiritual Martin Reinert über zerbrochene Lebensträume und Wege aus solchen Krisen

Die Kraft finden, Misserfolge zu ertragen und Scheitern zu bewältigen

Martin Reinert wurde 1958 in Wennemen bei Meschede geboren und studierte Theologie in Paderborn und Würzburg. Im Jahr 1986 empfing er die Priesterweihe. Er ist Spiritual im Erzbischöflichen Theologenkonvikt und im Priesterseminar. Seine Aufgaben liegen vor allem im Bereich der geistlichen Ausbildung und Begleitung der Priesteramtskandidaten.

„Was am meisten fehlt, ist jemand, der versteht, ohne zu urteilen“, schreibt Spiritual Martin Reinert in seinem Gastartikel für diese Dom-Ausgabe. Er führt darin aus, dass Scheitern an sich nichts Schlimmes ist, solange andere Menschen in solchen Situationen als „barmherzige Samariter“ zur Stelle sind.

von Martin Reinert

Der kleine Philipp steht mir vor Augen – er hat es sich in den Kopf gesetzt, die Welt aus erhöhter Perspektive anschauen zu wollen; man müsste doch auf den eigenen Füßen stehen können – Mama und Papa können es jedenfalls; warum also nicht auch ich! Das Tischbein eignet sich als Kletterhilfe – so könnte es gehen – kräftig ziehen – schwieriger als gedacht – plumps – und noch ein Versuch, unmöglich ist es jedenfalls nicht.
Mama freut sich mit über jeden neuen Anlauf, das motiviert. 20 Mal hintereinander ohne Erfolg – das schwächt und frustriert; und Mama teilt die Traurigkeit, tröstet, muntert auf:„mein Philipp wird das schaffen!“ So versucht er es wieder neu, und wieder und wieder; schließlich geht es um etwas Wichtiges; und dann, beim 37. Versuch der ersehnte Erfolg – geschafft! Großartig! Und Mama strahlt! Die Schinderei hat sich wahrlich gelohnt! Und alles Scheitern war doch nicht vergeblich. Und jetzt müsste es doch eigentlich auch ohne die Hilfe des Tischbeines gehen.
Philipp genießt seine Entdeckerfreude; man kann offenbar Großartiges erreichen und kraftvoller Einsatz lohnt sich. So erlernt man das Leben – auch das geistige und geistliche Leben. Aber woher nimmt Philipp die Kraft, zuvor so viele Misserfolge zu ertragen und soviel Scheitern zu bewältigen? Hat er einfach eine robuste Natur? Oder war das Ziel einfach zu verlockend? War es die Mutter, die sich so wunderschön mit freuen kann? All das mag zusammengespielt haben und Philipps Entdeckerfreude auf das Leben hin neue Nahrung gegeben haben.
Als Spiritual eines Theologenkonviktes und Priesterseminars stehen mir zahlreiche junge Menschen vor Augen, die sich mit viel Entdeckerfreude und Enthusiasmus zum Ziel gesetzt haben, Priester der katholischen Kirche zu werden. Die Kirche selbst, das Studium der Theologie und unser Zusammenleben im Seminar konfrontieren sie mit nicht wenigen Herausforderungen und Zumutungen. Viele Schritte müssen da getan werden und Probleme sind vorprogrammiert. Der eine erlebt sein Scheitern an den erwarteten Prüfungsleistungen und ein anderer gerät immer wieder mit der Tatsache in Konflikt, dass Zusammenleben auch eine soziale und mitmenschliche Komponente hat. Eigenheiten und Schwächen werden offenbar und nicht wenige verlieren das richtige Maß aus den Augen für Freiheit, Verbindlichkeit und Individualität. Was dem einen Anlass zur Neubesinnung und Ansporn zu mehr Entschlossenheit ist, erfährt der andere als Überforderung. Der eine sagt: „Jetzt erst recht“ und ein anderer: „ Das werde ich dem Leben (oder der Kirche) erst einmal nicht verzeihen, dass so mit mir umgegangen wird!“ Scheitern so oder so – was ist eigentlich das Schlimme daran?
Zunächst einmal nichts – so zeigt es die Erfahrung von Philipp. Das Leben hat uns im Normalfall die Gabe mitgegeben, wieder aufzustehen, wenn wir einmal am Boden liegen – und das nicht nur einmal. Jeder Rückschlag verfeinert womöglich die eigene Wahrnehmung: Sind meine Ziele realistisch? Schätze ich meine Möglichkeiten richtig ein? Stimmen die Mittel, die ich gebrauche und habe ich die nötige Unterstützung? Manchmal braucht es sogar das Scheitern, um solchenFragen endlich auf die Spur zu kommen. Unser Priesterseminar ist jedenfalls ein geeigneter Ort, solches Ringen und Klären immer neu zu versuchen, auch gemeinsam.
Das Scheitern aber kann bisweilen auch einen Grad annehmen, der schlicht nicht zu verarbeiten ist, wo ich nicht mehr weitermachen kann.Lebensträume zerbrechen und eingeschlagene Wege erweisen sich als Sackgassen. Als Christ und Spiritual weiß ich, dass das Scheitern uns immer in die Nähe des Gescheiterten führt und dass wir nie tiefer fallen können als in die Arme des Gekreuzigten. Aber was sagt das einem, der gerade tief in dieser Erfahrung des Scheiterns steckt? Für den Augenblick braucht er keine Theorien und Vertröstungen; was ihm am meisten fehlt, ist oft ein anderer, der ihm seine ganze Aufmerksamkeit und Anteilnahme schenkt und der versteht, ohne zu urteilen. Es muss ihm zugestanden sein, seine „Niederlage“ ganz auszuschöpfen und vom Tiefpunkt her nach neuem Stand zu suchen. Einen solchen „barmherzigen Samariter“ nicht zu finden und sich womöglich auch selbst nicht mehr Freund sein zu können: das erst wäre das wirklich Schlimme am Scheitern.
„Gut, dass es einen Spiritual gibt!“, so höre ich es manchmal. Das tut mir gut – aber ich bin auch nachdenklich; darüber etwa, ob wir zukünftig genügend Seelsorgerinnen und Seelsorger haben werden, die Menschen helfen, wieder auf die Beine zu kommen und neuen Stand im Leben zu gewinnen. Eine wichtige und lohnende Aufgabe ist dies allemal!


22.05.2012
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