Die Arbeit mit Angehörigen psychisch Kranker
Die Familien sind mit im Blick
Paderborn. Angehörige psychisch Kranker haben viele Fragen und machen sich Sorgen. Hilfe finden sie in Gesprächsgruppen. Wenn die Angehörigen einbezogen werden, gelingt aber auch die Therapie der kranken Menschen besser, wie die Erfahrung der LWL-Klinik Paderborn zeigt.
von Richard Schleyer
Die Angehörigen eines psychisch Kranken seien von dessen Leiden immer mitbetroffen, erklärt Bernward Vieten, Chefarzt der psychiatrischen LWL-Klinik in Paderborn. Vieten weiß, wie sehr die seelische Erkrankung eines Angehörigen das Gefüge einer Familie durcheinanderbringt. „Da stehen die Eltern oder Ehegatten vor rätselhaften Veränderungen im Verhalten und der Person ihres Kindes oder Partners und wissen nicht, damit umzugehen.“
Bernhard Ahle bestätigt die-se Hilflosigkeit, die Familien befällt, wenn sie nicht mehr verstehen, was in dem Angehörigen vor sich geht und wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Dieser klagt vielleicht ohne erkennbare Ursache nur noch, wie schlecht es ihm geht, will nicht mehr aus dem Zimmer oder aus dem Bett. Oder, bei einer schweren Depression, schweigt er nur noch, redet kein Wort mehr, reagiert nicht mehr. Ahle hat dies in seiner Familie erlebt. „Der Kranke erhält viele therapeutische Hilfen. Angehörige bleiben mit ihren Problemen und Sorgen oft alleine.“
Um diesem Missstand abzuhelfen, hat Bernhard Ahle eine Gesprächsgruppe für Angehörige psychisch Kranker ins Leben gerufen. Die trifft sich jeden dritten Donnerstag im Monat in der Paderborner Hermann-Schmitt-Schule. Ahle erhielt die Anregung zu dieser Gruppe aus der Paderborner LWL-Klinik. Trotzdem wählte die Gruppe einen Treffpunkt außerhalb der Klinik und ohne direkte Anbindung an deren Therapeuten und Ärzte. „Manche Angehörige brauchen diesen Abstand, wie wir erfahren mussten“, erklärt Ahle diese Entscheidung. Er vermutet, dass Angehörige die Zeit vor der Einweisung in die Klinik und damit auch die Einweisung als so stressig und aufwühlend erleben, dass sie daran möglichst wenig erinnert werden wollen.
Auch wenn zu Hause die Situation immer wieder eskaliert, der Angehörige völlig verzweifelt oder durchgedreht ist, kann er nicht ohne seine Zustimmung und gegen seinen Willen stationär oder ambulant in der psychiatrischen Klinik behandelt werden. Es sei denn, ein Richter stellt fest, dass der Kranke sein oder anderes Leben akut gefährdet. Marita Melzer versteht, wie schwer Angehörige diese Phase oft mitnimmt, bis ihr Familienmitglied endlich einen Therapieplatz in der Klinik erhält.
Als ihr Sohn im jugendlichen Alter unerwartet an einer Psychose erkrankte, musste sie wieder ein Großteil der Verantwortung für ihn übernehmen. „Diese Verantwortung bleibt Eltern psychisch
kranker Kinder. Aber rechtlich gesehen ist ihr Einfluss sehr begrenzt.“ Auch klagt Marita Melzer, Therapeuten und Ärzte ließen sich manchmal eher von dem Kranken beeinflussen, wenn dieser seinen Zustand positiver einschätze und schildere, als es den Erlebnissen der Angehörigen mit ihm entspreche. Aus diesen Erfahrungen heraus engagiert sie sich für die Angehörigenarbeit in der Paderborner LWL-Klinik. Dort rief Dr. Vieten vor fünf Jahren das sogenannte Trialog-Projekt ins Leben. Dabei treffen sich regelmäßig Patienten, ehemalige Patienten, Angehörige und Klinikmitarbeiter und -leitung, um aktuelle Fragen oder Verbesserungsmöglichkeiten für den Klinik-alltag zu besprechen. „Wer unzufrieden ist, muss das Gespräch suchen und sich für Veränderungen einsetzen!“, betont Marita Melzer. Seit zwölf Jahren besucht sie die Angehörigen-Gesprächsgruppe der Klinik-Ambulanz, auch wenn ihr Sohn inzwischen längst nicht mehr akut betroffen ist. Aber sie will anderen ihre Erfahrungen weitergeben. Enttäuscht ist sie nur, dass viele Angehörige über ihren eigenen Horizont nicht hinausblicken wollen und die Gesprächsgruppe sofort wieder verlassen, wenn es ihnen oder ihrem Angehörigen etwas besser geht. „Diese wollen nur etwas kurzfristige Hilfe für sich herausholen. Aber sich nicht weiter einlassen.“
Auch Dr. Vieten beobachtet die große Fluktuation in manchen seiner Angehörigen-Gruppen. Deshalb fördert er es, wenn sich solche Gruppen verselbstständigen, ohne die Klinik weitermachen. Er selbst hat in Paderborn das „Bündnis gegen Depression“ mit ins Leben gerufen und sich zum Vorsitzenden des neuen Vereins wählen lassen. Ein Verein fördere eher die Eigeninitiative der Beteiligten und werde in der Öffentlichkeit auch anders und neutraler wahrgenommen als eine staatliche psychiatrische Klinik, meint Vieten. Aber er weiß, dass auch ein Verein seine Probleme haben kann. Er kann überaltern, wenn keine neuen Mitglieder dazustoßen. Und, so stellt Vieten nüchtern fest, jedes ehrenamtliche Engagement, auch die Angehörigenarbeit lebt immer nur vom Einsatz weniger Aktiver.
Aber der Paderborner Chefarzt hat erkannt, wie wichtig es für den Erfolg einer Therapie ist, die Familie des Kranken einzubeziehen. Er hat deshalb viele seiner Mitarbeiter in familientherapeutischen Methoden fortbilden lassen. Familiengespräche am Beginn und am Ende einer psychiatrischen Behandlung und auch zwischendurch gehören seither fest zum Programm. Und für Kinder psychisch kranker Eltern wurden eigene Gruppen zur psychologischen Begleitung eingerichtet. Für Dr. Vieten nehmen solche Gesprächsgruppen auch eine wichtige Funktion in die Öffentlichkeit hinein wahr. Die Teilnehmer würden lernen, über die psychische Krankheit ihres Familienangehörigen zu sprechen. Marita Melzer kann dem nur zustimmen: „Durch den Austausch fühlen sich die Angehörigen nicht mehr so vereinzelt und stigmatisiert.“ Das Thema „psychisch krank“ komme aus seiner Tabu-Zone heraus. Doch schmerzt es sie, wenn sie erlebt, wie Familien es selbst im engsten Kreis vermeiden, auch nur ein Wort über das psychische Leiden ihres Angehörigen zu verlieren. Ihre Familie und ihr Sohn hätten gelernt, offen darüber zu sprechen, wie es ihm zurzeit gehe und kein Geheimnis aus seiner Krankheit zu machen.







