Die „digitale Revolution“ hat auch in der Seelsorge ihre Spuren hinterlassen
Der Weg zu vielen Gläubigen führt über das Internet

- DDr. Walter Vogel wurde 1967 geboren. Er ist Assistent am Institut für Katechetik und Religionspädagogik der Universität Graz und stellvertretender Leiter des Instituts für Berufspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Graz. Er hat viele Jahre unterschiedliche Internetseelsorgeprojekte durchgeführt und zahlreiche Publikationen dazu verfasst.
Kaum etwas hat unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren so verändert wie die „digitale Revolution“. Computer haben in allen Lebensbereichen Einzug gehalten, die Kommunikation hat sich gewandelt. Das Internet ist in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu einer festen Größe geworden. DDr. Walter Vogel von der Universität Graz hat sich lange mit Fragen der Seelsorge im Internet befasst. In einem Gastartikel hat er seine Thesen zusammengefasst.
von DDr. Walter Vogel
Das Feld dessen, was Seelsorge im Internet bedeutet, hat sich in den vergangenen 15 Jahren stark gewandelt. Mitte der 90er-Jahre fand man im weltweiten Netz vorwiegend Hilfen zur Predigtvorbereitung, Materialbörsen für Religionslehrer und Onlinebibeln. Heute gibt es kaum mehr eine Pfarrei, die nicht über zumindest eine E-Mail-Adresse verfügt und nicht wenige Pfarren haben auch eine eigene Webseite.
Im Informationsbereich dürfte das Internet bei uns schon das Nummer-Eins-Medium geworden sein: Wer kennt und verwendet nicht Wikipedia? Wer sucht nicht regelmäßig über die Google-Suchmaske nach irgendetwas? Auch religiöse Informationen werden heute vermehrt im Netz gesucht und in unterschiedlicher Qualität gefunden.
Kreativere Anwendungen als auf der reinen Informationsschiene findet man im kirchlichen Kontext leider sehr selten. Das war nicht immer so: Vor zehn bis 15 Jahren gab es eine ganze Reihe von Personen und Personengruppen, die versucht haben, dem aufkommenden virtuellen Netz mehr zu entlocken als nur Informationen. In Graz gab es beispielsweise von 1997 bis 2004 eine Gruppe von Personen, die einmal wöchentlich einen religiösen Chat moderiert und in regelmäßigen Abständen auch eine eigenständige Andacht im Internet – keine Videoübertragung eines Gottesdienstes sondern einen echten, die Kommunikationsmöglichkeiten des Netzes ausnutzende Gottesdienst – durchgeführt haben. Wie auch andere Projekte wurde dieses aus diversen Gründen eingestellt.
Fünf Thesen sollen nachfolgend Möglichkeiten und Grenzen der Seelsorge im Internet skizzieren:
These 1: Kirchliche Informationsseiten sind oft schlecht.
Attraktive und gewartete Internetauftritte sind heute keine Innovation mehr, sondern sollten zum Standardrepertoire jeder Pfarrei und jeder Diözese gehören. Tatsächlich muss man jedoch nicht lange suchen, um eine stark veraltete Pfarrhomepage zu finden (wenn etwa noch im Januar die Sommerzeit-Gottesdienstordnung aufgelistet sind). Solche Web-Auftritte sind peinlich und geben der Kirche einen antiquierten Touch.
These 2: Die Seelsorge nutzt das Internet nur kümmerlich.
Das eigentliche Proprium des Internets ist die Kommunikation. Viele Menschen suchen im Netz hauptsächlich nach Begegnungen mit anderen Leuten. Im religiösen Bereich werden sie dort aber selten fündig, obwohl es heute einer ganzen Fülle an unterschiedlichen Angeboten bedürfte: Von den ständig besetzten Notfallschats – ähnlich wie die Telefonseelsorge –, über normale Chats, Skype oder Twitter mit in der Seelsorge tätigen Menschen bis hin zu einfachen Plattformen, wo religiös bekennende Leute anwesend sind und nicht belehrend, sondern diskursiv Themen wie Leid, Abtreibung, Lebenssinn usw. erörtern. Einzig die E-Mail-Seelsorge funktioniert in manchen Gegenden ganz gut.
These 3: Der Seelsorge im Internet fehlt es an kreativen und aktiven Personen.
Heutzutage müssen Internetangebote attraktiv sein. Auch müssen sich die Internetauftritte oft verändern, es muss rasch auf Neuerungen eingegangen werden und es muss Personen geben, die „schräg denken“, gerne Neuigkeiten ausprobieren und die nötige Energie haben, Projekte umzusetzen. Der Zeit- und Energieaufwand dafür ist jedoch sehr hoch und es kostet nicht nur Geld, sondern es müssen auch kompetente Personen dafür eingestellt werden.
These 4: Internetseelsorge ist überregional.
Auch wenn Seelsorgeangebote im Internet regional angeboten und finanziert werden, kennt das Internet weder Diözesan- noch Landesgrenzen. Oft habe ich bei Projektbesprechungen Sätze wie „Wenn wir das finanzieren, mailen uns auch Menschen aus anderen Diözesen. Warum sollen wir das bezahlen?“ gehört. Dort bedarf es dringend eines Umdenkens vonseiten kirchlicher Verantwortungsträger.
These 5: Internetseelsorge ist gleichwertig mit anderen Seelsorgeformen.
Internetseelsorge ist ein pastorales Feld neben vielen anderen. Es ist weder defizitär und anderen Bereichen unterstellt, noch steht es über denen. Auch wenn es kaum zu realen Begegnungen zwischen Personen kommt, sind den teilnehmenden Personen die virtuellen Begegnungen sehr wertvoll. Ein Teilnehmer hat dies im Chatroom folgendermaßen formuliert: Die religiösen Chats sind „genau das kirchliche Maß, das ich suche und benötige“. Internetpastoral ist der einzige Weg zu vielen Christen!






