Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Seelsorger Christian Heim über ein spezielles Angebot für suchtkranke Menschen

Der Weg der „Fazenda da Esperança“ – eine Rückkehr ins LebenDer Weg der „Fazenda da Esperança“ – eine Rückkehr ins Leben

Christian Heim wurde 1968 in Meschede geboren. Nach dem Abitur am Gymnasium der Benediktiner folgte ein 15-monatiger Aufenthalt in Brasilien. Nach dem Studium der Theologie in Augsburg und Paderborn empfing er 1997 die Priesterweihe. Seit 25. März 2009 ist er Priester der Diözese Caruaru in Brasilien und freigestellt für die Gemeinschaft „Familie der Hoffnung“. Er wohnt auf der Fazenda da Esperanca – Gut Neuhof vor den Toren Berlins. www.fazenda.de

Das Umfeld spielt in der Hilfe für suchtkranke Menschen eine ganz entscheidende Rolle. Gemeinschaft mit anderen finden sie beispielsweise auf den „Facendas de Esperanca“. Pastor Christian Heim arbeitet auf solch einer Facenda. In seinem Gastbeitrag beschreibt er das Leben dort.

von Christian Heim

Der Weg der Fazenda da Esperança ist keine Therapie im strengen Sinne, er ist eher zu verstehen als Wohn- und Lebensgemeinschaft, in der durch gelebtes Miteinander, tägliche Arbeit und eine Spiritualität aus dem Wort Gottes ein neues Leben eingeübt wird. Entstanden 1987 aus dem Lebensvollzug einer Kirchengemeinde in Brasilien gibt es heute an 68 Orten in zehn verschiedenen Ländern solche „Höfe der Hoffnung“. Mehr als 2500 junge Leute haben dort die Chance durch eine zwölfmonatige „Rekuperation“ ihr kaputtes Leben wieder in den Griff zu bekommen und ins Leben zurück zu kehren. „Rekuperation“, vom portugiesischen Wort „recuperare“, bezeichnet den Prozess des „Sich-wiedergewinnens“, um den es auf den Höfen geht.
Professor Pompey sagte im Rahmen eines Symposiums folgendes: „Die Fazenda ist eher ein Haus, ein Ort der Lebensfindung für Alkohol- und Drogenkranke. Sie lässt die karitative Wirklichkeit der Familie erfahren, ja nacherfahren, die viele der Betroffenen in ihrem Leben nicht machen durften. Sie substituiert also Familienerfahrung, bildet dadurch neues Lebensurvertrauen aus, das heißt durch Liebe wachsen und durch Liebe heilen.“ Als die Fazenda in Deutschland 1998 mit einer ersten Gründung außerhalb Brasiliens begann, gab es viel Skepsis und Anfragen. Wie sollte solch eine Einrichtung ohne „Experten“ gelingen? Heute kann die Fazenda in Deutschland auf vier Häuser schauen und dankbar feststellen, dass die existenzielle Hilfe der ehrenamtlichen Mitarbeiter, der größte Teil von ihnen ehemalige Abhängige, ein hohes Maß an Lebenskompetenz versammelt, erfolgreich arbeitet und einen Platz im Feld der Selbsthilfeeinrichtungen hat. Natürlich werden auch medizinische oder psychologische Fachdienste von Kliniken und Beratungsdiensten in Anspruch genommen.
Als Priester für das Erzbis­tum Paderborn 1997 geweiht, ging immer die Frage mit mir, wie wir als Kirche näher an den ausgegrenzten Menschen sein können und ihr Leben an der eigenen Haut erfahren könnten. Bereits 1989 hatte ich die Fazenda in Brasilien kennengelernt und dort im Leben mit Abhängigen erfahren, was es heißt, mit einer Suchtgeschichte, die oftmals bis an die Grenzen des Todes geführt hat, ins Leben zurückzukehren. Von da an begleitete ich wach und aufmerksam den Weg der Höfe. Heute, wo ich für diese Arbeit freigestellt bin, wird mir zweierlei deutlich: Durch die Kraft des gelebten Wortes unter den Drogenabhängigen, die oftmals nicht getauft sind oder anderen Glaubensrichtungen angehören, wird der Kern der Frohen Botschaft so kraftvoll lebendig, dass Menschen aus Gemeinden oder der Kirche Fernstehende mit dem Glauben in Berührungen kommen – will sagen: Hier erfahre ich die Berührbarkeit des Evangeliums mit all seiner missionarischen Kraft. Und zum anderen greifen im Zusammenleben mit unseren „harten Jungs“ und „verwundeten Frauen“ keine fremd anmutenden Zeichen und Worte, die ich als Priester ihnen zusprechen könnte, es braucht meinerseits ein ganz demütiges „Mit-gehen“ und „Da-sein“ und lässt mich oft in sehr existentieller Weise meine eigene Armut erfahren – will sagen: Hier lebe ich die Notwendigkeit, Gott ganz Gott sein zu lassen, auf keine „Hilfsmittel“ zu vertrauen als auf seine Gegenwart.
Auf den Punkt bringt das Geheimnis der Fazenda da Esperança Papst Benedikt, der im Nachklang seines Besuches auf der ersten Fazenda in Brasilien 2007 seine dort gemachte Erfahrung reflektiert:  „Ja, der Mensch braucht die Transzendenz. ‚Gott allein genügt‘, sagt die heilige Theresa von Avila. Wenn Er fehlt, muss der Mensch allein versuchen, die Grenzen der Welt zu überwinden, um für sich selbst den Raum des Unendlichen zu eröffnen, auf den hin er geschaffen wurde. Von daher wird für ihn die Droge fast zu einer Notwendigkeit. Aber bald merkt er, dass es eine unendliche Illusion ist, eine Falle, so könnte man sagen, die der Teufel für den Menschen vorbereitet hat. Dort auf der Fazenda da Esperança scheinen diese Abgründe der Welt wirklich überwunden zu sein, indem man sich öffnet und auf Gott schaut, in Richtung einer Öffnung unseres Lebens und so geschieht die Rekuperation.“
Mit jedem, der nach zwölfmonatigem Suchen und Ringen stolz und strahlend sein „Diplom“ in den Händen hält, scheint dieser Weg sich zu bestätigen und zeigt sich als eine echte Rückkehr ins Leben.


21.05.2012
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