Aktuelle Ausgabe
2009-01

Ein „Zufall“ ist kein Beleg für Plan-, Ziel- oder Sinnlosigkeit

Der Mensch – Plan Gottes oder „Zufallsprodukt“ am Rand des Weltalls?

Professor Dr. theol. Habil. Ulrich Lüke wurde 1951 in Münster geboren. Nach einem Studium der Philosophie, Theologie und Biologie in Münster und Regensburg wurde er 1980 zum Priester geweiht. 1990 folgte die Promotion und 1996 die Habilitation. Seit 2001 Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen.

„Glaube kontra Naturwissenschaft?“ hat die Vereinigung katholischer Religionslehrer an Gymnasien im Erzbistum Paderborn ihre diesjährige Tagung in der Katholischen Akademie Schwerte überschrieben. Dabei ging es in der vergangenen Woche unter anderem um die Postion des Schöpfungsglaubens zwischen einer wörtlichen Auslegung der biblischen Schöpfungsgeschichte und einer rein naturwissenschaftlich positionierten Evolutionstheorie. Der Theologe und Biologe Professor Ulrich Lüke aus Aachen stellt in seinem Gastbeitrag das prinzipielle Dilemma dar.

von Professor Ulrich Lüke

Der Molekulargenetiker und Nobelpreisträger Jacques Monod (1910 bis 1976) schrieb kurz vor seinem Tod ein berühmtes Buch „Zufall und Notwendigkeit“. Die Evolution, meinte er, schreitet voran durch die zufällige Mutation im Erbgut und die notwendige Selektion. Aus diesem blinden Wechselspiel von Zufall und Notwendigkeit gestalte sich die Natur- und Weltgeschichte. Das hatte Konsequenzen für sein Menschenbild: „Das Universum trug weder das Leben, noch trug die Biosphäre den Menschen in sich. Unsere ‚Losnummer’ kam beim Glücksspiel heraus.“ (S. 129) „... der Mensch muss  endlich (...) seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“ (S. 151)
In der Bibel hingegen liest man etwas Anderes, Hoffnungsvolles: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. … Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? (...) Und ich werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. (...) Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Jo 14, 2 f.)
Ist der Mensch nun ein dummer Zufall am Rande des Weltalls oder geplant und geliebt, mit Herkunft und Zukunft in Gott? Ist der Zufall Beleg für Plan-, Ziel- und Sinnlosigkeit? Nehmen wir einmal an, wir wüssten genau, was Zufall ist, und dieser sei bei den Mutationen im Erbgut ausschlaggebend. Ist dann durch die Mitwirkung des Zufalls bewiesen, dass dies Welttheater planlos, ziellos, sinnlos ist? Mitnichten!
Bei der Ziehung der Lottozahlen am Samstag blicken wir in eine Trommel, in der – wie wir meinen – der blanke Zufall waltet. Ist daraus auf die Sinn- und Planlosigkeit des Ganzen zu schließen? Keineswegs, denn das Ganze, in dem auch der Zufall eine Rolle spielt, ist voller Pläne und Absichten. Die Lottogesellschaft hat Pläne und Regeln für dieses Spiel und – wie der Lottospieler – eine klare Absicht, nämlich reich zu werden. Zumindest der Lottogesellschaft gelingt das immer. Der Zufall in der Lostrommel entspricht also einem Plan, er liefert den Geldverteilungsmodus unter den Tippern.
Marie von Ebner Eschenbach (1843 bis 1916) meinte in ihren Aphorismen: „Der Zufall ist die in Schleier gehüllte Notwendigkeit.“ Wenn wir also alle Randbedingungen in der Lostrommel kennten, die Gravitation, die Lage der Kugeln, die Drehgeschwindigkeit, die Rollreibung, die Anzahl der Umdrehungen, den Entnahmemechanismus für die Kugeln etc., dann müssten wir auch die Ergebnisse der jeweiligen Ziehungen voraussagen können. Da wir dies nie hinreichend genau kennen können, sprechen wir, obschon Kausalität herrscht, von Zufall. Albert Schweitzer (1875 bis 1965), der Arzt, Theologe und Friedensnobelpreisträger sah im Zufall, anders als Monod, in letzter Konsequenz Gott am Werke: „Der Zufall ist ein Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er anonym bleiben will.“ Anatole France (1844 bis 1924), der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger, sagte fast exakt dasselbe: „Zufall ist vielleicht das Pseudonym Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will.“
Nur für Ignoranten und Agnostiker, für Menschen, die nichts wissen, nichts wissen wollen, nichts wissen zu können glauben, ist der Zufall die unhinterfragbare Universalerklärung.
Für Christen ist, was wir Zufall nennen, letztlich Gabe Gottes. Was uns zufällt, wird uns zur Vorgabe, Gabe und Aufgabe unseres Lebens.
Im Alten Bund hatte sich Gott als der „Ich-bin-da“ zu erkennen gegeben. Jesus Christus konkretisiert dieses „Ich-bin-da“ im Neuen: Ich bin der Ich-bin-da als Weg, als Wahrheit, als Leben. Wo immer und wann immer der da ist, der Weg, Wahrheit und Leben ist, gilt: Wir sind nicht heimatlos, keine Zigeuner am Rande des Weltalls, das uns fühllos, ziel- und sinnlos gegenübersteht. Wir wissen zwar oft nicht die Koordinaten in Raum und Zeit. Aber wir haben ein Ziel, sind erwünscht und geliebt, werden im Leben begleitet, durchs Leben geleitet und am Ziel des Lebens erwartet von Gott.


07.01.2009
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