Pater Welscher als Menschenfischer unterwegs
Der Glaube ist ein großes Geschenk
Eine Begegnung auf dem See Gennesaret – und vier Männer bissen an. Sie ließen alles stehen und liegen und folgten. „Phantastisch. Jesus hatte es gut“, sagt Rudolf Welscher und lächelt. Wie Petrus oder Johannes gehört er zu denen, die den Auftrag Jesu angenommen haben. Auch Welscher reiste durch Deutschland, um Menschen zu fangen. Doch in den fast 30 Jahren seiner Gemeindemission hat er keinen so spektakulären Fang erlebt wie Jesus. Damit kann er gut leben. Denn ob jemand früher oder später doch ins Netz geht, weiß er nicht. Außerdem vertraut der Oblatenmissionar in diesem Punkt auf Gott. Welscher selbst wirft „nur“ die Netze aus – auf eine Art, die viel mit Jesu Art und der seiner Jünger gemeinsam hat.
von Gert Friedrich
Jesus sprach so mit den Menschen, dass sie ihn verstanden. Er verwendete Gleichnisse und Bilder aus ihrem Leben. Und seine Botschaft war befreiend, machte froh. Rudolf Welscher ist ebenfalls ein passionierter Prediger, spricht frei.
„Pater Welscher erzählt viel von dem, was er erlebt, erfahren hat – in seiner Schulzeit, in seiner Familie, als Priester“, sagt Wolfram Altmann aus Zwickau, wo Pater Welscher seit zwei Jahren als Pfarrer seinen Dienst tut. Seine Predigten handeln vom Leben aus der Sicht eines Menschen, der glaubt und manchmal auch zweifelt und sucht. „Der Glaube ist ein Schatz, ein großes Geschenk, das im Leben trägt“, sagt Altmann.
Welschers Predigten scheinen viele Zuhörer anzusprechen. „Einmal bin ich fast überschwänglich begrüßt worden: Schön, dass sie wieder einmal zu uns kommen; wir haben uns ihre Predigten immer wieder zu Hause angehört“, erinnert sich der Oblatenmissionar. „Wenn sich Leute bei mir bedankt haben, dann hieß es nie: Das war aber interessant, oder: Ich habe viel gelernt. Positive Reaktionen gehen in eine andere Richtung: Es hat mir gut getan, ihnen zuzuhören; Sie machen das mit Leib und Seele; ich nehme ihnen ab, was sie gesagt haben.“
Petrus wirft sich in dem Boot Jesus zu Füßen, weil er ein Sünder ist. Jesus ging zu Zöllnern, Dirnen und anderen Menschen, ganz unten im gesellschaftlichen Ansehen; am Ende gab er sein Leben hin. Wie auch könnte man sich als Menschenfischer, als Diener Gottes groß aufspielen? Rudolf Welscher möchte den Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen. Nicht nur in der Kirche.
Und er spürt auch Gegenwind nach seinen Predigten. Mitunter stellen Zuhörer kritische Fragen. „In Mönchengladbach meldete sich einmal nach einer Predigt eine 16-Jährige und bat um ein Gespräch. Sie hatte eine Mitschülerin, die an Krebs erkrankt war und daran auch gestorben ist, und war äußerst kritisch. Ich dachte danach: Ob sie´s wohl in der Kirche aushalten wird? Viele Jahre später meldete sie sich wieder und hatte den Wunsch, dass ich sie und ihren Freund traue. Inzwischen gibt sie in einem Gymnasium katholischen Religionsunterricht und ist in ihrer Gemeinde sehr aktiv“, erzählt Pater Welscher.
Obwohl diese Begegnung jetzt über 20 Jahre her ist, kann sich Andrea Scholz noch gut daran erinnern. „Das war eine schwierige Zeit. Die schwere Krankheit, später der Tod einer Gleichaltrigen – das wühlt auf und wirft die Frage auf, ob man an so einen Gott glauben kann. Pater Welscher kam nicht mit frommen Sprüchen oder vorgefertigten Antworten. Er hat vor allem zugehört und mir ein Buch empfohlen, das ich auch später gelesen habe. Und, was wichtig war, er hat mich verstanden, hat mich als Jugendliche mit Fragen ernst genommen.“ Beide stehen heute noch in Kontakt.
Bei einer Gemeindemission in Lüdenscheid im Sauerland war Pater Welscher mit Jugendlichen für drei Wochen verreist. Unter ihnen war der Sprecher der Pfarrjugend; der studierte damals Wirtschaftswissenschaften. Aber ihn beschäftigte die Frage, ob solch ein Studium sein Leben tragen kann. Nach der Reise, nicht viel später, brach er das Studium ab und trat ins Priesterseminar ein. Die Gespräche mit Pater Welscher hätten eine gewisse Rolle gespielt bei dieser Entscheidung, sagt er heute, da er Pfarrer im Sauerland ist. Welscher sei behutsam mit ihm und seinen Überlegungen umgegangen, habe von sich und seiner Entscheidung für den Dienst als Priester berichtet.
Seit Welscher in Zwickau lebt, besucht er als Seelsorger Gefangene, keinen Kilometer von der Pfarrkirche entfernt. Sie sind ihm nahe – und er ihnen. „Einer hat kürzlich gesagt: Ich gehöre zwar zu keiner Kirche, aber mit dem Pater will ich mal reden“, freut sich Rudolf Welscher. Wolfram Altmann spürt wie andere Zwickauer, die Seelsorge in der JVA liegt dem Ordensmann am Herzen. „Pater Welscher versucht, sich in die Menschen hineinzuversetzen. Von anderen werden die Gefangenen in die Ecke gestellt. Er geht zu ihnen, er nimmt sich Zeit für sie und zeigt, dass sie ihm wichtig sind. Das verblüfft manchen.“
„Nahe wollt der Herr uns sein, nicht im Fernen thronen.“ Dieses Lied von Huub Oosterhuis habe viel mit ihm und seinem Dienst als Menschenfischer zu tun, sagt Rudolf Welscher. Er selbst würde formulieren: „Nahe will der Herr uns sein …“ „Mitten unter euch steht er, den ihr nicht kennt“, heißt es im Kehrvers. „Die Menschen sollen merken: Gott ist mir ganz nahe, er liebt mich.“ Das möchte Rudolf Welscher erreichen, wenn er Menschenfischer ist. Er sagt es ihnen, wenn er predigt. Und er zeigt es ihnen, wenn er einem Einzelnen zuhört, mit ihm fühlt. Zeigen, wie Gott ist: ganz Mensch.







