Mit viel Eigeninitiative ist im Pastoralverbund Reckenberg im Kreis Gütersloh eine Jugendkirche entstanden
Der „Dicke Fisch“ lernt schwimmen
„Jugendliche haben mit Kirche nichts am Hut!“ Wer am Sonntag einen Blick auf die Gottesdienstbesucher wirft, könnte schnell zu dieser pessimistischen Einschätzung kommen. Diejenigen, um die es geht, sehen das anders – und optimistischer: „Die Jugendlichen sind nicht weg, sie leben ihren Glauben und ihre Hoffnung nur anders und woanders“, heißt es im Konzept des „Dicken Fischs“, der neuen Jugendkirche im Pastoralverbund Reckenberg im Kreis Gütersloh. Eingeweiht wurde der „Dicke Fisch“ mit einem großen Fest, an dem auch der 8. Geburtstag des Pastoralverbundes gefeiert wurde.
von Andreas Wiedenhaus (Text und Fotos)
So hoch wie heute wird der Altersdurchschnitt der Besucher beim „Dicken Fisch“ so schnell nicht wieder sein: Viele derjenigen, die sich im Flur und in den Zimmern der ehemaligen Vikarie am Kirchplatz in Langenberg drängeln, gehören beim besten Willen nicht mehr zur Zielgruppe einer Jugendkirche. Das tut ihrem Interesse aber keinen Abbruch. Vor der Treppe in die erste Etage gibt es sogar einen Stau. Kathrin Czichon lässt immer nur so viele Besucher nach oben, wie herunterkommen. „Aus Gründen des Brandschutzes dürfen im Moment nur zehn Leute gleichzeitig oben sein“, erklärt die 19-Jährige. Also wird geduldig gewartet, bis der Weg in das erste Stockwerk wieder freigegeben wird.
Eine ganze Menge ist heute ungewöhnlich beim „Dicken Fisch“: Selbst das Schuhverbot in „Unserem Raum“ wurde aufgehoben. Eigentlich darf das größte Zimmer des Hauses, das für Gebet und Gottesdienst vorgesehen ist, nicht mit Schuhen betreten werden. Ein Schild über der Tür droht bei Zuwiderhandlung sogar ein Strafgeld von 50 Cent an. „Aber das hätte ja hier das absolute Schuh-Chaos vor dem Eingang gegeben“, lacht ein Jugendlicher, als er auf die Ausnahmeregelung hinweist.
So wie die Geistlichen aus dem Pastoralverbund, die fast alle an der Eröffnung teilnehmen, wollen auch die zahlreichen Besucher ein Zeichen setzen, wie sehr sie das Engagement der Jugendlichen schätzen. Ein älterer Herr nickt nach einem Blick in den großen hellen Raum mit den bunten Tüchern unter der Decke anerkennend: „Das habt ihr toll hinbekommen!“ Pfarrdechant Meinolf Mika von der Wiedenbrücker St.-Aegidius-Gemeinde hatte schon in seiner Begrüßung zum vorangegangenen Festgottesdienst anlässlich des Pastoralverbundsgeburtstages betont, wie wichtig die Jugendkirche für den gesamten Pastoralverbund sei.
Das deutlichste Signal aber haben die Jugendlichen längst selbst gegeben: Mit ihrer Initiative, sich einen eigenen Raum zu schaffen, in dem sie „an der Zukunft der Kirche bauen können“. Aus einigen „wilden Ideen“, die bei den ersten Treffen auf den Tisch kamen, wurde schnell ein tragfähiges Konzept, das nicht nur den Langenberger Pastor Olaf Loer begeisterte, auch die übrigen Entscheidungsträger waren rasch überzeugt. So fiel der Entschluss, die alte Vikarie am Kirchplatz umzuwandeln. Die Jugendlichen brachten Ideen und Energie ein, eine Anschubfinanzierung kam aus Mitteln des Pastoralverbundes, des Dekanates und des Erzbistums.
Die Motivation, aus der heraus die Jugendkirche im Pastoralverbund Reckenberg entstanden ist, und die Ziele der Initiative hat Jakob Kamin vom „Dicken Fisch“ während des Festgottesdienstes so beschrieben: „Es geht uns um die Zukunft der Kirche, denn Religion und Glaube sind für Jugendliche nicht tot.“ Er sei sicher, dass es mit dem „Dicken Fisch“ gelinge, auch diejenigen Jugendlichen zu erreichen, die nicht in der Kirche „etabliert“ seien: „Natürlich wissen wir alle, wie groß die Vorurteile unserer Altersgenossen gegenüber der Kirche sind, aber das ist kein Grund zur Resignation, denn unsere Hoffnung ist größer!“ Er wünsche sich, dass die neue Jugendkirche es schaffe, Alltag und Glauben der Jugendlichen zu vernetzen: „Ich bin optimistisch, dass der Dicke Fisch eine Kirche der besonderen Art und für die Jugendlichen im Pastoralverbund ein zweites Zuhause wird.“
Damit dies gelingen kann, haben die etwa 25 Mitglieder des „harten Kerns“ der neuen Jugendkirche unzählige Stunden gearbeitet. Die alte Vikarie hatte die letzten eineinhalb Jahre leergestanden. Entsprechend hoch war der Renovierungsstau.
So richtig „rangeklotzt“ wurde in den Tagen vor der offiziellen Einweihung: Am Donnerstagnachmittag treffen sich noch einmal rund zehn Freiwillige, um den „Dicken Fisch“ für den großen Tag herauszuputzen. Draußen kümmert sich Jonas Liermann um den frisch eingesäten Rasen. Die zarten grünen Pflänzchen, die gerade aus der Erde sprießen, brauchen dringend Wasser. „Wir mussten hier ziemlich viel roden, der Garten war ganz schön zugewachsen“, erzählt der 18-Jährige, ehe er den Rasensprenger anschließt. Drinnen machen sich Ines Busch und Kathrin Czichon mit Putzeimern bewaffnet ans Werk.
Dann müssen alle mit anpacken: Stühle und ein Tisch werden gebracht. Eine Firma aus Wiedenbrück liefert das gespendete Mobiliar sogar frei Haus. Mit vereinten Kräften ist der Transporter schnell ausgeladen. „Tolle Stühle“, freut sich Lukas Schmalenstroer und probiert den „Chefsessel“ gleich aus. Lange kann er nicht verschnaufen. Die Einzelteile für die große Tischplatte müssen nach oben geschafft werden. Nach der Montage sind alle von dem „schicken Konferenztisch“ begeistert. In der Küche müssen noch ein paar Schranktüren montiert werden, Patrick Lorenz kürzt mit der Handkreissäge fachmännisch einige Bretter: „Auch wenn es vielleicht noch ein bisschen eng wird, wir schaffen das!“ Er behält Recht: Am Einweihungstag kann sich der „Dicke Fisch“ wirklich sehen lassen. Stress und Strapazen der letzten Tage sind vergessen. Die Farben und das Werkzeug werden erst einmal in einer Abstellkammer zwischengelagert, denn das eine oder andere bleibt noch zu tun.
„Selig, die neue Wege gehen, denn sie werden Spuren hinterlassen!“ – Dieser Spruch, den die Jugendlichen im Treppenhaus der Vikarie an die Wand geschrieben haben, drückt aus, was sie sich für die Zukunft wünschen. Ein wenig hat sich der Satz für den „Dicken Fisch“ schon bewahrheitet, meint Pastor Michael Melcher: „Mit ihrem Enthusiasmus zeigen uns die Jugendlichen, was möglich ist, wenn man an etwas glaubt und sich mit ganzer Kraft einsetzt!“
Farbeimer, Zementsäcke, Sägen und Hämmer werden wohl mehr und mehr verschwinden – eine Baustelle wird der „Dicke Fisch“ aber bleiben: Denn hier wird an der Zukunft der Kirche gebaut.







