Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Den Boden bereiten für die neue Ernte

Maria Beineke-Koch

Worte, die in die Zukunft weisen wollen, werden in einer Zeit des Umbruchs nicht gerne gehört, weil sie viele überfordern. So deutet die Religionspädagogin Maria Beineke-Koch aus Detmold das Gleichnis vom Sämann. Der sät aber trotzdem aus.
Möglicherweise sind noch die Bilder der Überschwemmungen des Mississippi im mittleren Westen der USA im Gedächtnis, die weite Teile des bestellten Landes überfluteten und die Ernte zerstörten. Oder uns sind noch Berichte von Hungersnöten in anderen Teilen der Welt im Ohr, hervorgerufen durch ausfallende Ernten aufgrund von Trockenheit und Dürre. Auf diesem Hintergrund hören wir das Gleichnis vom Sämann. Der Sämann geht auf das Feld, um zu säen und er macht die gleiche Erfahrung wie viele Farmer und Bauern bis heute. Sie säen das Korn aus, aber sie ernten nicht. Sie sind, auch bei aller modernen Technik, abhängig von Witterungsbedingungen, die die Hoffnung auf eine gute Ernte zunichte machen können. Der Sämann sät und ein Teil der Körner wird von den Vögeln gefressen, ein anderer Teil verdorrt und wieder ein Teil wird durch Dornen erstickt.
Der Sämann geht auf das Feld und sät das Korn aus, wohl wissend, dass viel von seiner Arbeit vergeblich ist und keine Frucht bringt. Mich beschäftigt die Person des Sämanns, seine Haltung dem Leben gegenüber. Er nötigt mir Respekt ab.
Er braucht eine große Frustrationstoleranz, um seine Arbeit zu tun. Er muss die eigenen begrenzten Möglichkeiten anerkennen, Einfluss nehmen zu können auf den Ernteertrag. Er muss akzeptieren, dass widrige Bedingungen vieles an seiner Arbeit zunichte machen können. Er muss das Korn der Erde überlassen und warten und hoffen. Er tut dies jedes Jahr aufs Neue und nie kann er sicher sein, wie groß die Ernte ausfällt. Er geht auf das Feld im Vertrauen und in der Gewissheit, dass ein Teil der Körner auf fruchtbaren Boden fällt und reiche Frucht bringt.
Jesus redet in Gleichnissen, er spricht in Bildern vom Kommen des Reiches Gottes, Bilder, die gedeutet werden wollen.
Wir können dieses Gleichnis daraufhin befragen, was es uns zu sagen hat in der heutigen kirchlichen Situation, in dieser Zeit der kirchlichen Ab – und Umbrüche. Was können wir von dem Sämann heute lernen für unser Glauben und Handeln?
Wir erleben eine schwierige Zeit, in der vertraute Orte kirchlichen Lebens, liebgewordene Bindungen und Traditionen aufgegeben werden müssen, eine Zeit des Verlustes und des Abschieds. Gleichzeitig sind wir aufgefordert, uns auf neue pastorale Strukturen einzulassen, neue, unvertraute Räume mit Leben zu füllen. Daneben nehme ich so einige kreative Anstöße zur Weiterentwicklung der Pastoral vor Ort wahr, die den Blick weiten für zukunftsfähige Formen von Kirche in unserer Gesellschaft. Ich lese und höre von Gedanken, Worten und Texten, die neue Perspektiven eröffnen und Mut machen. Doch diese Ideen fallen oft auf den felsigen Boden der Vorbehalte und der Abwehr jeglicher Veränderung. Manchmal drohen sie durch vorschnelle Aktivität zu ersticken und können nicht Wurzeln schlagen  in den Herzen der Menschen. Oder sie werden überhört, weil viele Menschen in den Gemeinden  – Ehren- wie Hauptamtliche – sich durch die Umbrüche überfordert fühlen und  davon ausgehen, dass ihr Mühen doch vergeblich ist. So können sie in ihrer resignativen Haltung die hoffungsvollen Ansätze nicht wahrnehmen.
In dieser Situation schaue ich auf den Sämann. An seiner Haltung Maß zu nehmen, bedeutet dann für mich, in großem Vertrauen mit dem eigenen Handeln den Boden bereiten für eine neue Ernte, für eine Zukunft der christlichen Botschaft, deren konkrete Form ich nur erahne. Es bedeutet für mich, in meinem Glauben getragen zu sein von der inneren Gewissheit, dass das eigene Handeln Sinn hat, auch wenn sich schneller Erfolg nicht einstellt. Es bedeutet für mich, darauf zu vertrauen, dass das eigene Bemühen nicht vergeblich ist, sondern unter Gottes Segen steht und reiche Frucht bringen wird, trotz all der widrigen Umstände. Es bedeutet für mich, mir bewusst zu sein, dass letztlich Gott „der Herr der Ernte“ ist.
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas seinen Sinn hat – egal wie es ausgeht.“  So hat es der ehemalige Dichterpräsident Tschechiens, Vaclac Havel, formuliert, in einer Zeit, in der er persönlich politisch verfolgt war. Wenn ich so das Gleichnis vom Sämann lese, entdecke ich nicht nur die Mühe, die in der Arbeit des Säens, des Wartens  und Hoffens steckt, sondern höre auch die Verheißung der reichen Ernte. Wie der Sämann kann ich getrost meine Arbeit an meinem Platz tun und „guter Hoffnung“ sein.
Maria Beineke-Koch,
Religionspädagogin,
Rötkersiek 28, 32760 Detmold


21.05.2012
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