Wie die Jünger in einer Nussschale allein auf hoher See
Den Ängsten sich stellen
Petrus auf dem Weg über das Wasser. Unterwegs lähmt ihn die Angst und er droht unterzugehen. Was Angst ausmachen kann, das sagt Gregor Steinhoff (43) Diplom-Sozialpädagoge und Künstler. Er betreut und begleitet Jugendliche mit schweren psychischen Störungen in einer Einrichtung des Förderkreises Sozialpsychtrie in Münster.
Sie betreuen psychisch kranke Jugendliche. Was für eine Rolle spielen Ängste bei psychischen Erkrankungen?
Steinhoff: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass Angst nicht nur negativ zu verstehen ist. Sie ist ein unmittelbares Gefühl, das sogar lebensförderlich und produktiv sein kann, denn sie macht sensibel für mögliche Gefahren und Lebensaufgaben, denen sich der Einzelne stellen muss. Andererseits können Ängste aber auch zerstörerisch und lebensverneinend wirken, deshalb sind sie für viele psychische Störungen und Krankheiten – auch bei Jugendlichen – Quelle und Ursache. Stark ausgeprägte existenzielle Ängste spielen dabei eine entscheidende Rolle. Um ihre Angstzustände zu beschreiben, benutzen Menschen oft Bilder. Sie berichten dann zum Beispiel, dass sie sich wie in einer winzigen Nussschale allein auf hoher See fühlen.
Dieses Bild von der Nussschale lässt an die Jünger im Boot denken.
Steinhoff: Genau. Um Angst anschaulich zu machen, gibt es wohl kein treffenderes Bild als ein Schiff in stürmischer See. Die Erfahrung eines schwankenden Untergrunds hat jeder vor Augen. Mich beeindruckt die biblische Erzählung vom Gang Jesu auf dem Wasser, weil sie in äußerst knapper und doch treffender Weise schildert, wie sehr Angst Menschen verändern kann. Dass Ängste Menschen richtiggehend krank machen, damit habe ich täglich zu tun. Wenn ich den Text vor dem Hintergrund meines beruflichen Alltags lese, lässt sich vieles wie durch eine Lupe beschreiben.
Wie meinen Sie das?
Steinhoff: Die Erzählung öffnet die Augen für das doppelte Gesicht der Angst, ihr destruktives und ihr produktives Potenzial. Mit beiden Dimensionen von Angst arbeite ich. So sehr ich die zerstörerische Kraft der Angst eindämmen muss, so sehr muss ich den Einzelnen darin fördern, seine eigenen Stärken zu erkennen und zu verwirklichen.
Aber in ihrem Alltag begegnen Sie in erster Linie der zerstörerischen Kraft von Angst.
Steinhoff: Ja. Wie die Jünger im nächtlichen Boot bei hohem Seegang und Gegenwind aus Angst schreien, so reagieren Patienten mit Angststörungen in ihrer unglaublich großen Hilflosigkeit auch. Sie erleben die Welt als völlig haltlos, ihre Wahrnehmung verzerrt sich, sie sehen – wie die Jünger – überall Gespenster. Ist es nicht erschreckend, wie schnell die Jünger scheinbar vergessen haben, was und wer ihnen Halt gibt? Jugendliche mit psychischen Krankheiten katastrophieren noch viel schneller. Ihnen ist das Vertrauen in die Welt abhanden gekommen. Das Misstrauen lauert überall. Bei diesen Jugendlichen tritt eine unheimlich große Hilflosigkeit auf. Alles, was man ihnen anbietet, wird erst einmal abgewehrt.
Was macht Petrus auf Sie für einen Eindruck?
Steinhoff: Petrus führt dem Leser vor Augen, wie man mit der eigenen Angst gerade nicht umgehen sollte. Das spürt der Leser sofort: Wenn es ein bisschen ernster wird, säuft Petrus förmlich ab, um das mal salopp zu formulieren. Er ist eine schwankende, jedoch sehr menschliche Figur. Ich glaube Petrus versucht Jesus, er fordert ihn heraus, weil er zu wenig Vertrauen in sich selbst hat. Aber genau deswegen geht es schief, und er droht unterzugehen.
Was macht Petrus denn falsch?
Steinhoff: Er schreit: Herr rette mich. Damit gibt er seine Eigenverantwortlichkeit jedoch vollständig ab. Jesus wird es schon richten. Eine ähnliche Situation begegnet einem auch im therapeutischen Alltag immer wieder. Ein Patient, der nur auf Hilfe und Rettung von außen vertraut, wird seine Angst nicht in den Griff bekommen und immer wieder scheitern.
Und was sollen die Patienten stattdessen tun?
Steinhoff: Sie müssen sich auf einen langwierigen Prozess einlassen und sich mit der Frage konfrontieren, wie sie sich selbst mehr Glauben schenken können. Jesus nennt Petrus einen Kleingläubigen. Im Hinblick auf meinen Beruf würde ich anstatt von Glauben lieber von Vertrauen sprechen. Die Jugendlichen müssen neues Vertrauen aufbauen und sich ihren Ängsten stellen. Ihnen dabei zu helfen, ist unsere wichtigste Aufgabe als Begleiter.
Wie kann das gelingen?
Steinhoff: Interessant ist, wie Jesus sich in der Erzählung verhält. In meinen Augen übernimmt er eine Vorbildfunktion. Zunächst schickt er die Jünger weg und geht allein auf einen Berg. Damit geht er auf Distanz zu den inneren Stürmen, denen die Jünger im Boot ausgesetzt sind. Er schafft sich sehr bewusst einen Raum für eine mögliche Gottesbegegnung und befreit sich damit aus der Enge des Angstgefühls. Für mich zeigt er damit, worauf es im Umgang mit der Angst ankommt. Übersetzt in den therapeutischen Alltag heißt das, die eigene Achtsamkeit zu schulen. Nur so kann ein Klient verhindern, der Unmittelbarkeit des Angstgefühls hilflos ausgeliefert zu sein. Ein Ziel ist, den Klienten dabei zu helfen, durch ein Achtsamkeitstraining in sich selbst Bilder innerer Ruhe entstehen zu lassen und nach und nach die emotionalen Wellen zu glätten. Jesus findet sein Gegenüber auf dem Berg in Gott. Meine Klienten finden im Idealfall durch ein einfühlendes Gegenüber Vertrauen ins sich selbst und in das Leben.
Interview: Katharina Klöcker





