In der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown bringen Sozialarbeiter der Hilfsorganisation Christian Brothers Straßenkinder wieder mit ihren Familien zusammen.
Das dritte Leben des Abass Kanu Bangura
Sierra Leone ist bitterarm, trotz seiner Bodenschätze. So fließt der Verkaufserlös seiner Edelsteine in die Kassen von internationalen Konzernen, Schmugglern und korrupten Regierungsbeamten. Die „Blutdiamanten“ hatten den grausamen Bürgerkrieg von 1991 bis 2002 geschürt und finanziert. Mehr als 75000 Menschen verloren ihr Leben, über 20000 wurden Gliedmaßen abgehackt. Die Verstümmelten sind bis heute der Beweis für die Grauen, sind die sichtbaren Wunden, die der Krieg dem Land geschlagen hat. Die vielen unsichtbaren Wunden haben sich in die Köpfe und Herzen der Opfer gefressen.
Von Uta Jungmann (Text) und Wolfgang Radtke (Bild)
Um zehn vor acht geht das zweite Leben des Abass Kanu Bangura zu Ende. Ein letztes Mal kauert der schlaksige Sechzehnjährige vor seinem erbärmlichen Bretterverschlag in einem vermüllten Elendsviertel der Hauptstadt Freetown. Seine kümmerliche Habe hat er in eine winzige blaue Kunststofftasche gestopft und wartet auf den Beginn seines neuen, seines dritten, seines richtigen Lebens.
Keine sechs Jahre alt war der Junge, als er mit ansehen musste, wie sein Vater von marodierenden Söldnern überfallen, mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Als seine Mutter nach dem Ende der Wirren erneut heiratete und mit ihrem Mann zwei Kinder bekam, fand Abass sich mit der Situation nicht zurecht. Immer stärker sonderte er sich ab, geriet in schlechte Gesellschaft, brach die Schule ab und verließ seine Familie mit dem Ziel Freetown.
Schicksale wie die von Abass Kanu Bangura gibt es in Sierra Leone zuhauf. Die Hauptstadt quillt über vor Menschen, die sich hier größere Überlebenschancen erhoffen. Junge Männer vor allem, ohne Beschäftigung, ohne Perspektive, ein bedrohliches Potenzial für zukünftige Konflikte. Wer soll sie wieder in die Gesellschaft eingliedern? Die Regierung ist damit hoffnungslos überfordert, und so sind in Sierra Leone mehr als anderswo Menschen gefragt, die aktiv werden und helfen. So wie Raymond Tommy. Seit vierzehn Jahren ist der 45-Jährige als Sozialarbeiter für die Ordensgemeinschaft der Christian Brothers in Freetown tätig. Vorrangiges Ziel dieser Partnerorganisation der AGEH (Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe) ist die Verbesserung der Lebensbedingungen benachteiligter Kinder.
Eines dieser langfristigen Projekte zielt darauf ab, 600 auf sich allein gestellte Straßenkinder zwischen 6 und 16 Jahren anzusprechen und zu versuchen, sie wieder in den Schoß ihrer Familie zu führen. Vorausgesetzt, diese lässt sich nach der oft Jahre zurückliegenden Zersplitterung aufspüren – und in Gesprächen dazu bewegen, das verlorene Kind wieder aufzunehmen. Auch das Kind muss natürlich den Willen zum Neuanfang mitbringen. Genau dies lotet Raymond bei Streifzügen durch die Elendsviertel der Hauptstadt aus.
Dabei stieß er eines Tages auf Abass Kanu Bangura, der es sich am verdreckten Ufer eines vor Unrat überquellenden Wasserlaufs inmitten von Müll und Wellblech eingerichtet hatte. „Trotz der Bedingungen hier sind die meisten zunächst misstrauisch, wenn ich sie anspreche“, berichtet Raymond. „Man muss Geduld haben, Zuverlässigkeit beweisen, um ihr Vertrauen zu gewinnen.“ Der Erfolg gibt ihm Recht. Als Abass Kanu Bangura sieht, dass Raymond Tommy pünktlich zum verabredeten Treffpunkt gekommen ist, nimmt der Junge seine kleine blaue Tasche und wirft seinen Slumgefährten zum Abschied ein paar Münzen zu.
Wenig später sitzen das Straßenkind Abass Kanu Bangura und der Sozialarbeiter Raymond Tommy gemeinsam im Geländewagen und fahren nach Massiaka, etwa 65 Kilometer östlich von Freetown, um Abass seiner Familie zurückzubringen.
„Familienzusammenführung mache ich am liebsten“, verrät Raymond Tommy auf der Fahrt nach Massiaka, einer Reise auch durch die Vergangenheit des Landes. So führt der Weg an einem alten Auffanglager für ehemalige Kämpfer vorbei. Keine zwei Kilometer weiter liegt auf der gleichen Straßenseite ein Zentrum für Amputierte. Die Nähe ist gewollt, die beiden Zentren sind Teil eines Versöhnungsprojektes. Als Massiaka erreicht ist, klettert Abass aus dem Fond des Wagens. Vor dem Haus, in dem der Junge ab heute leben wird, erwartet ihn seine Tante. Nur ein paar Schritte entfernt steht die Palaverhütte, in deren schattigem Kreis die Rückführung offiziell besiegelt wird. Der Stiefvater kommt hinzu, die Mutter folgt, dann Verwandte und Nachbarn als Zaungäste. Falls Abass Kanu Bangura aufgeregt ist, weiß er es zu verbergen. Immerhin steht in den leuchtenden Augen von Abass’ Mutter die Freude über das verloren geglaubte Kind.
Raymond Tommy trägt den Inhalt eines „Reunification Certificate“ vor, mit dem die Unterzeichnenden sich verpflichten, das Kind willkommen zu heißen. Der Stiefvater unterschreibt, bei der Mutter muss in einem Land mit über 65 Prozent Analphabeten ein Daumenabdruck genügen. Zur Abmachung gehört auch, dass die Christian Brothers ein Jahr lang das Schulgeld für den Jungen übernehmen. Als die Versammlung sich auflöst und der Motor schon wieder läuft, ruft Ray seinen Schützling noch einmal zu sich und reicht ihm einen Zettel mit seiner Telefonnummer. „Für alle Fälle“, zwinkert er dem Jungen zu und fährt dann los.
„Bei Abass habe ich ein gutes Gefühl“, erklärt Raymond seinen Begleitern, während der Wagen sich in Bewegung setzt. „Der Junge hat seine Verabredungen mit uns immer eingehalten. Er war nie einer der ganz Harten, Aggressiven im Slum. Und er freut sich auf die Schule!“ setzt er hinzu. Günstig ist auch, dass Abass’ neue Bleibe in Massiaka direkt an der Hauptstraße liegt, sodass Raymond oder seine Kollegen auf ihren Überlandfahrten dort kurz nach dem Rechten sehen können.
Ein Jahr der Nachbetreuung ist bei den Christian Brothers Bestandteil des Programms. Auch heute ist Raymond Tommys Mission noch keineswegs erfüllt. Bis nach Makeni führt ihn seine Reise, noch einmal 60 Kilometer nach Osten.
Drei Fotos von Straßenkindern trägt der Sozialarbeiter der Christian Brothers mit sich, drei seiner „Fälle“, drei Schicksale. Mit diesen Fotos fährt er zu den letzten bekannten Adressen der Familien, darauf hoffend, dass sie noch gültig sind oder Nachbarn einen Hinweis auf den Verbleib der Eltern geben.
Doch trotz mehrfacher Anfahrten, vereinter Bemühungen und dem dutzendfachen Herumreichen der Fotos gelingt es nicht, die Fährte von Verwandten der beiden Straßenkinder aufzunehmen. Zu viel Zeit ist verstrichen, ein Melderegister gibt es natürlich nicht, und damit ist die Suche vorerst gescheitert.
Bleibt Kandidat Nummer Drei, Mohamed Kanu, letzte bekannte Adresse Koya Street in Makeni. Doch wirken die ansonsten durchweg freundlichen, hilfsbereiten Menschen hier zurückhaltend, misstrauisch. Tatsächlich stellt sich heraus, dass sie befürchten, es bei den Suchenden mit Geheimpolizisten zu tun zu haben. Als das Missverständnis ausgeräumt ist, hellen sich die Mienen auf. Prompt gibt sich ein Junge als Bruder von Mohamed Kanu zu erkennen und verweist die Suchenden auf sein Elternhaus. Vor diesem steht in schmucker Tracht Ibrahim Kanu, das Familienoberhaupt. Mit ihm zieht Raymond Tommy sich zum Gespräch unter vier Augen zurück. Doch auch im dritten Versuch ist Raymond heute kein Erfolg beschieden. Bei dem Gespräch kam ans Licht, dass der verlorene Sohn gestohlen, Drogen genommen, den Vater bedroht hat. Und so will Ibrahim Kanu, wen mag es verwundern, seinen Sohn nicht zurück. Das letzte Wort darüber sei noch nicht gesprochen, sagt Raymond Tommy, der geduldige, ausdauernde, beharrliche Mitarbeiter der Christian Brothers.
Am nächsten Morgen, auf dem Rückweg von Makeni nach Freetown, schaut Raymond noch einmal rasch bei seinem Schützling vorbei. Wie denn die erste Nacht in seiner neuen, alten Heimat gewesen sei, will Raymond wissen. Abbas lächelt. Zum ersten Mal seit zwei Jahren habe er seine Wäsche beim Trocknen unbeaufsichtigt lassen können, ohne dass sie ihm gestohlen wurde. Willkommen im dritten Leben, Abass Kanu Bangura.
Info
Acht Jahre nach Ende des bis 2002 währenden Bürgerkrieges belegt Sierra Leone den letzten Platz auf der Liste des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen und ist somit das am wenigsten entwickelte von 177 untersuchten Ländern. 70 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten, die Kindersterblichkeit ist die höchste auf der Welt – von 1000 geborenen Kindern erreichen 300 das fünfte Lebensjahr nicht.
Zu den erfreulichen Aspekten im Land gehört die Tatsache, dass die Religionsgemeinschaften friedlich miteinander leben. Knapp drei Viertel der Bevölkerung bekennen sich zum Islam, etwa 15 Prozent gehören einer christlichen Kirche an. Auch die zahlreichen Ethnien – die größten sind die Temne in der Mitte und die Mende im Süden des Landes – praktizieren in Sierra Leone friedliche Koexistenz.







