Gedanken zum Evangelium
Das Tierische in uns sehen
Jesus zog sich in die Wüste zurück und lebte dort mit den wilden Tieren. So heißt es im Evangelium. Auch den gehetzten Menschen unserer Tage täte es gut, sich zurückzuziehen, um sich mit dem Triebhaften, dem Tierischen in ihnen auseinanderzusetzen, meint Pfarrer Manfred Pollmeier, Leiter des Pastoralverbundes Löhne.
von Manfred Pollmeier
Nicht nur nach den Karnevalstagen suchen Menschen nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Denn, Hand aufs Herz, wir werden im Alltag oft gejagt von einem Fest zum nächsten. Irgendeiner hat immer Geburtstag, irgendwo findet immer etwas statt. Und es ist ein Leben, das vielen von uns nicht gut tut: Übergewicht, Herz-Kreislauf-Beschwerden, und bei manchen auch handfeste Alkoholprobleme. Wir merken, dass nicht nur unser Körper eine Kur braucht, sondern auch der Geist und unsere Seele brauchen eine.
Geistliche Lehrer empfehlen hin und wieder einen Wüstentag: sich zurückziehen, Stille suchen und mit sich selbst ins Reine kommen. Jesus hatte sich gerade von Johannes im Jordan taufen lassen, schon drängte es ihn in die Wüste, Vierzig Tage lang, eine symbolische Zahl. Für längere Zeit also hielt er sich dort auf. Während seines ganzen öffentlichen Wirkens hielt er es so, dass es ihn immer wieder in die Stille, in die Einsamkeit zieht, wo er ganz allein dem Vater gegenübersteht.
Und hier in der Wüste lebte er bei den wilden Tieren. Wüste als Ort der Stille und der Einsamkeit, das lässt sich noch nachvollziehen. Doch was soll nur dieses Bild von den wilden Tieren?
Einen Schlüssel zum Verständnis bietet der Satz: „Er wurde vom Satan in Versuchung geführt“. Die Evangelisten Matthäus und Lukas, die das Markus-Evangelium wohl als Vorlage hatten, malen diese Szene breiter aus. Satan und die wilden Tiere gehören offensichtlich zusammen. Die wilden Tiere, das ist das Satanische, ist das Tierische in uns. Und in Anlehnung an Matthäus und Lukas können wir uns die Auseinandersetzung Jesu mit dem Tierischen in sich gut ausmalen: Fühlst du dich berufen, den Menschen Gott zu verkünden, oder willst du nur den eigenen Ehrgeiz befriedigen, das tierische Machtstreben, so fragt sich Jesus. Vergebung und Liebe willst du predigen – oder buhlst du vielleicht doch nur um Gunst und Anerkennung?
„Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm“ – so das Evangelium. Das Tierische in uns wollen wir nicht, wollen es töten, wollen uns abtöten, wollen wie Engel sein. Das ist die Zerrissenheit des Menschen. Ständig ist der Mensch hin- und hergestoßen zwischen Tier und Engel, zwischen Selbstverachtung und Selbstüberforderung. Bei Jesus sieht das am Ende anders aus. „Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.“ Dazu hatte er sich durchgerungen. Er war nicht wie Michael angetreten, den Drachen zu töten. Er hatte dem Tierischen einen Platz eingeräumt, lebte mit den wilden Tieren. Und die Engel bliesen nicht zum Kampf. Sie kamen und dienten ihm.
Das ist die Kunst im menschlichen Leben: das Tierische in uns anzunehmen, mit ihm zu leben ohne Angst. Es verliert dann die Gefährlichkeit und die Engel werden unsere Verbündeten.
Die Synthese zwischen Geist und Trieb ist gelungen. Und nun kann Jesus öffentlich auftreten, ist mit sich selbst im Reinen, mit sich selbst identisch.
Mit dem heutigen Sonntag beginnt die österliche Bußzeit, beginnen die Wüstentage. Gott hat sein „Ja“ zu uns gesprochen, unwiderruflich. Diese Vergewisserung sollten wir in den kommenden Wochen vertiefen. Am Besten, indem wir uns im Alltag einen Freiraum schaffen für Gott, damit auch bei uns sein Reich kommen kann. Denn „die Zeit ist erfüllt“.







