Maria als Vorbild für die Predigtvorbereitung
Damit eine Predigt die Herzen trifft
Paderborn. „Maria macht in diesem Evangelium jedem Prediger seine Rolle vor!“ Hartwig Trinn weiß, wovon er spricht. Der Theologe und Rhetoriklehrer hat in der Paderborner Diözese schon viele Theologiestudenten und Ständige Diakone auf ihre Predigerrolle vorbereitet. Und er schärft diesen immer wieder ein: „Ob Ihre Worte die Zuhörer treffen, hängt von Ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit ab.“
von Richard Schleyer
Die Gläubigen spürten genau, ob der Prediger selber vom Evangelium ergriffen und aus Erfahrung spreche oder nur schöne Sätze formuliere. Echtheit fordert der Theologe und Sozialethiker Hartwig Trinn zuallererst von einem Prediger. Wie Maria müsse dieser erst selber mit dem Wort Gottes schwanger gehen, bis es in ihm vor Freude zu hüpfen beginne. Das geschehe nur in dem, der an seiner eigenen Lebenserfahrung überprüft habe, dass Gottes Verheißung echt und wahr sei. Trinn verweist auf die Vorgeschichte des Evangeliums vom vierten Adventssonntag. „Maria wird von der Verkündigung des Engels in ihrem Innersten getroffen. Diese Verheißung wird ihr Leben verändern, ihre eigenen Pläne über den Haufen werfen.“ Mit dieser ebenso freudigen wie verunsichernden Verheißung im Herzen sei Maria zu ihrer Cousine Elisabet aufgebrochen. Maria gehe los in dem Wissen, dass auch in Elisabets Schwangerschaft Gottes Verheißungskraft, sein Heilswillen wirksam sei. Und als Maria ihre Verwandte in ihrem schwangeren Leib „voll guter Hoffnung“ erblicke, erkenne sie: „Gottes Verheißung ist wahr. Auch ich kann dem Engel trauen, darf dankbar erwarten, dass sich sein Wort an mir erfüllt.“ Diese vorweggenommene Erfüllungsfreude lasse Maria dann aus vollem Herzen das Magnifikat beten: „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“ Und auch der kleine Johannes im Bauch Elisabets werde davon ergriffen und hüpfe vor Freude.
Hartwig Trinn rät Predigern eindringlich, erst mit dem Verfassen der Predigt zu beginnen, nachdem es ihnen gelungen sei, ihre eigene Lebenserfahrung mit der Botschaft des Evangeliums in Verbindung zu bringen. Idealerweise könne dies in zwei Phasen geschehen. Indem der Prediger sich etwa schon montags oder dienstags mit dem Evangelium des kommenden Sonntags beschäftige, dessen Kernaussage herausarbeite. Im Falle der „Heimsuchungsgeschichte“ am vierten Advent etwa wolle Lukas der christlichen Gemeinde vermitteln: „Gott erfüllt seine Verheißung! Und er schickt Zeichen auf den Weg.“ Wenn der Prediger mit dieser Aussage nun einige Tage umhergehe und seinen Alltag betrachte, überlege er unwillkürlich: „Welche Verheißung will Gott denn an mir erfüllen? Wo spüre ich etwas davon? Und woher kommen die Widerstände?“ Erst wer diese Anfragen ehrlich für sich selber beantwortet habe, dürfe sich daran machen, für andere Antworten zu formulieren. Denn diese müssten, gerade mit Blick auf Maria, unausweichlich die Erkenntnis enthalten: „Dass Gott eine Verheißung über mein Leben stellt, heißt nicht, dass er mich bei der Erfüllung in Watte packt. Ich werde ganz schön gefordert werden.“ Bei aller Freude des Anfangs sei Maria kein leichter Weg bevorgestanden.
Schöne Worte rauschen am Ohr der Predigthörer vorbei, mahnt der Rhetoriker Trinn, der im Dortmunder Sozialinstitut der Kommende und in der Katholischen Bildungsstätte Olpe viele Rhetorikkurse geleitet hat. Wenn die Gläubigen aber miterleben dürften, wie der Prediger selber mit der Botschaft Gottes gerungen habe, nehmen sie ihm seine Worte ab. Sie glauben ihm, wenn er sagt: „Und trotz aller Krisen, Gott meint es gut mit uns!“ Aber Trinn warnt auch. Die gute Nachricht der Predigt dürfe sich nicht in allgemeinen Sprüchen erschöpfen. Authentisch und glaubwürdig würden die Lösungsvorschläge, die Zielsätze einer Predigt für die Zuhörer nur klingen, wenn jene in deren Situation, deren Erfahrungen hinein formuliert würden. So wichtig die persönliche Betroffenheit für eine wahrhaftige Predigt sei, müsse der Prediger doch auch einen Perspektivenwechsel schaffen. Er müsse sich die Lebenswelt seiner Zuhörer vor Augen führen, auf deren Fragen und Schwierigkeiten hin aufmunternde Vorschläge finden. Schließlich stelle es einen gewaltigen Unterschied dar, auf junge Menschen zu von den Verheißungen Gottes zu predigen oder vor Alten und Kranken. Die Grundbotschaft bleibe die gleiche: „Gott hat mit jedem von uns von Ewigkeit her einen Plan!“ Aber die Lebenskrisen, durch die hindurch sich dieser Glaube bestätigen und bewahrheiten müsse, seien für jeden aktuell anders. Und in diesen ihren Krisen sollten sich die Zuhörer einer Predigt ernst genommen und verstanden fühlen. Dann könne in ihnen auch das Evangelium seine heilende Kraft entfalten, versichert der Theologe Hartwig Trinn.







