Berliner Taxifahrer reden über Trinkgelder
Da sitzt der Groschen lockerer
„Am Schlimmsten sind Menschen mit Dünkel“, sagt Gerold Hauk. Der gebürtige Schwabe lebt seit etlichen Jahren in Berlin und hält sich seit seiner Entlassung bei einer Messebaufirma als Taxifahrer über Wasser. Kaum mehr als fünf Euro netto pro Stunde verdient er dabei, deshalb ist er auf Trinkgelder angewiesen. „Oft geben Arme mehr“, sagt der Taxifahrer. „Vor allem aber geben sie herzlicher, und machen nicht so einen Bohai daraus. Vielleicht weil sich ein einfacher Arbeiter oder ein Arbeitsloser besser in unsere Lage versetzen kann, als Menschen, die ihr ganzes Leben lang Glück hatten.“
von Andreas Kaiser
Natürlich lasse sich das alles nicht pauschalisieren, will Hauk den Vergleich zum Evangelium, in dem auch die arme Frau mehr gibt, als die Reichen nicht überstrapazieren. Und natürlich gebe es auch immer mal wieder Gutverdiener, die gerne und auch viel geben. „Vor allem nachts, wenn sie ein paar Bierchen getrunken haben“, sagt er. Doch der Dünkel, der durch nichts begründete Hochmut, der macht dem sonst so stillen Hauk sichtlich zu schaffen. „Ich lebe bescheiden. Mir macht es nicht so viel aus, mich auch mal hinten anzustellen. Aber deswegen muss ich mich nicht behandeln lassen wie Dreck.“ Dann erzählt der gebürtige Ulmer, dass es Fahrgäste gebe, die würden ihm mit kleinen Spitzen und Gesten zu verstehen geben, dass sie ihn für einen Untergebenen hielten, einen Versager, der im Leben nichts „gebacken“ bekomme, der gescheitert sei.
Hauk erzählt dann gerne von einem Ehepaar, dem er zwei schwere Koffer in ihr luxuriöses Dachgeschoss hinauf getragen habe. „Sie Pelzmantel. Er Maßanzug. Oben angekommen drückt mir die Frau mit großer Geste statt des Fahrpreises von 8.80 Euro fein säuberlich abgezählt neun Euro in die Hand. Und sagt gönnerhaft. Der Rest ist für Sie, junger Mann! Am liebsten hätte ich ihr gesagt: Ach wissen Sie. Behalten Sie ruhig ihr Geld. Ich glaube, Sie brauchen es gerade nötiger als ich! Doch in dem Moment war ich einfach nur perplex und konnte gar nichts sagen …“.
Erfahrungen dieser Art hat Hauk keineswegs exklusiv. „Bei Leuten, die nicht so dick bei Kasse sind, sitzt der Groschen oft lockerer“, sagt Andreas Fischer. „Viele Reiche sind ja nicht umsonst reich. Sie haben Geld, weil sie entweder besser verdienen, oder weil sie weniger davon abgeben.“ In vielen Fällen komme beides zusammen. „Det wusste schon meene Oma“, sagt er und grinst. Fischer ist Berliner, durch und durch. Er wohnt im Wedding. Aus Überzeugung. Nicht nur, weil dort die Mieten günstiger sind. Angeblich auch, weil in den ärmeren Vierteln Worte wie Nachbarschaft noch groß geschrieben würden. „Wer einmal unten war, weiß wie wichtig sozialer Zusammenhalt ist, wie gut es tut, wenn dich ein Kumpel mal zum Essen einlädt, ohne dafür gleich eine Gegenleistung zu erwarten. Oder wenn dir ein alter Freund sein ausrangiertes Auto zum guten Preis überlässt, obwohl er im Internet deutlich mehr rausschlagen könnte.“
Das alles hatte Jesus erkannt. Menschen die vorwiegend damit beschäftigt sind, die eigene Karriere zu planen, ihren guten Ruf zu sichern, oder den ganzen Tag darüber nachdenken, wann sie wobei wie viel sparen können, sind nicht besonders offen. Weder für Gott, noch für den Augenblick, und schon gar nicht für ihre Mitmenschen oder die Nächstenliebe. Und das haben auch Menschen wie Fischer und Hauk, die beide nicht besonders religiös eingestellt sind, intuitiv begriffen.
In der Enge eines Taxis kommen sich wildfremde Menschen sehr plötzlich sehr nahe. Und nicht jedem ist das geheuer. Vor allem Geschäftsleute verstecken sich dann gerne hinter ihrer Funktion. „Die kommen mit Laptop und i-Phone. Alles ganz wichtig. Und am Ende lassen sie sich eine Quittung ausstellen und runden 28,40 auf 29 Euro auf. Obwohl sie das Geld dann als Spesen bei ihrem Arbeitgeber oder beim Finanzamt absetzen. Jeder andere hätte dir 30 Euro in die Hand gedrückt und gesagt: Stimmt so…“, sagt Fischer.
„Arme geben in der Regel gerne“, meint Hauk. Vielleicht, so vermute er, weil sie damit ihrem Schicksal für einen kurzen Augenblick ein Schnippchen schlagen können und der Depression, die Armut gerne mit sich bringt, einen Augenblick entronnen sind. Vielleicht auch, weil sie wissen, dass ein Lächeln, ein bisschen Miteinander das Herz besser wärmt und im Inneren länger hält als jedes Ding, das man sich für Geld kaufen kann.
Und noch etwas ist den beiden Berliner Taxifahrern aufgefallen. Menschen aus verschiedenen Ländern haben unterschiedliche Trinkgeldgewohnheiten, weil‘s bei ihnen selbst unterschiedlich gehandhabt wird. „Australier, Amerikaner und Schotten geben gut und gerne“, sagt Fischer. Und Hauk pflichtet ihm bei. „Auch die Skandinavier geben viel“ Doch ausgerechnet mit Touristen aus den katholischen Hochburgen Europas haben die Kutscher schlechte Erfahrungen gemacht. „Italiener und Spanier geben nichts. Nie“, sagt Hauk. Und diesmal ist es Fischer der seinem Kollegen beispringt. „Aber die Spanier sind wenigstens nett“, sagt er.







