Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zur zweiten Lesung

Christsein in nichtchristlicher Welt

Prof. Dr. Rainer Dillmann, Dahler Heide 48, 33100 Paderborn

Der Glaube an den wahren Gott bringt die Abwendung von falschen Idolen mit sich. So interpretiert der Neutestamentler Prof. Dr. Rainer Dillmann, Diözesan-Beauftragter des Kath. Bibelwerkes, was Paulus in seinem Missionsbrief den Gläubigen in Thessaloniki mitteilen will.

von Rainer Dillmann

Die Lesung aus dem ersten Brief an die Thessaloniker ist für heutige Leser in zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen ist dieser Brief an eine Gemeinde geschrieben, die in vielem heutigen Gemeinden vergleichbar ist. Thessaloniki war zur Zeit des Apostels Paulus eine Stadt, in der Menschen unterschiedlicher nationaler und kultureller Herkunft lebten. Thessaloniki war – modern gesprochen – eine multinationale, multikulturelle und multireligiöse Stadt. In der christlichen Gemeinde selbst dürfte sich dieses Völkergemisch gespiegelt haben.
Viele unserer Großstädte gleichen dem antiken Thessaloniki. Wie kann christlicher Glaube in einer solchen Stadt bestehen und wachsen? Eine höchst spannende und nicht einfach zu beantwortende Frage, vor der auch Paulus stand, als er dort das Evangelium verkündete. Schon da­mals erforderte Christsein Mut und Zivilcourage. Trotz großer Bedrängnis – so Paulus (vgl. 1 Thess 1,6) – haben die Thessalonicher den Glauben angenommen. Sollte das heute anders sein?
Damit kommen wir zum zweiten Aspekt. Am Anfang des Briefes geht Paulus auf das Gläubigwerden ein. Was bedeutet es, wenn Menschen sich zu Jesus als dem Christus bekennen und wie verändert dies ihr Leben in einer Umwelt, die überwiegend von anderen religiösen Überzeugungen geprägt ist? Als Christen – so Paulus – haben sich die Thessalonicher „von den Götzen zu Gott bekehrt“ (1 Thess 1,9). Christsein setzt Bekehrung voraus. Manche mögen einwenden, heute glaube keiner mehr an Götzen; eine Bekehrung sei deshalb in den wenigsten Fällen nötig. Lassen wir aber den griechischen Begriff, den Paulus hier verwendet, unübersetzt, dann wird die Sache klarer. Paulus spricht von Idolen. Die Thessalonicher haben sich von Idolen zu Gott bekehrt. Idole gibt es heute viele – seien es Film- oder Schlagerstars, selbst­ernannte Weltverbesserer oder religiöse Führergestalten. Von solchen Idolen gilt es sich abzuwenden, weil sie nicht in der Lage sind, dem Leben einen Sinn zu verleihen, der auch unter widrigen Umständen trägt.
Bekehrung ist Hinwendung zu dem lebendigen und wahren Gott: zu einem Gott, der treu ist, auf den ich mich verlassen kann, der nicht stumm ist, sondern mitten im Leben der Menschen anwesend – auch wenn diese ihn nicht unmittelbar spüren. Entscheidend aber ist, dass Gott bereits an Jesus gehandelt hat, indem er ihn auferweckte von den Toten. Dessen Kommen erwarten wir; er wird auch uns retten.
Mit wenigen Worten umreißt Paulus hier zentrale Inhalte christlichen Glaubens und Hoffens. Der Gott, an den wir Christen glauben, überschreitet die scheinbar unüberwindbaren Grenzen des Todes. Er schenkt Leben, das nicht mit dem biologischen Leben endet, sondern jenseits der Todesgrenze sich entfaltet und sich in der Gemeinschaft mit Gott vollendet. Paulus lobt die Thessalonicher wegen ihres Glaubens und sieht sie als Vorbild für andere. Ihren Glauben können auch wir uns zum Vorbild nehmen und trotz der Bedräng­nisse unserer Zeit festhalten an dem lebendigen Gott, der uns in Jesus Christus rettet.


19.05.2012
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