Aktuelle Ausgabe
2012-20

Krippenkunst aus Tschechien zu Gast im Diözesanmuseum Paderborn

Böhmische Dörfer

Oben am Hang spielen sich dramatische Szenen ab. Ein Lamm ist in die Fänge eines Wolfs geraten. Die Todesangst des Tieres scheint geradezu greifbar. Doch Hilfe naht in Gestalt des Hirten, der mit gezücktem Dolch heranstürmt. Ob die Geschichte ein gutes Ende nimmt, bleibt freilich ungewiss. Die kurze Episode ist figürlicher Bestandteil einer Krippendarstellung aus dem tschechischen Ort Broumov/Braunau. Rund 40 der volkstümlichen Kunstwerke aus der Region Böhmen und einige weitere aus dem Erzgebirge sind derzeit im Diözesanmuseum in Paderborn ausgestellt.

von Joachim Heinz (Text)

und Harald Oppitz (Fotos) 

„Krippenberge“ oder „Krippenlandschaften“ heißen die weihnachtlichen Darstellungen, in denen die Geburt Jesu im Zentrum steht. Drumherum haben die meist unbekannten Schöpfer alltägliche Impressionen ihrer Heimat verewigt. Da finden sich mit Schindeln oder Reet gedeckte Bauernhäuser, bunte Marktszenen – oder eben Eindrücke vom Landleben, wie der Kampf zwischen Wolf und Lamm. Dabei, so erläutert Ausstellungsleiterin Ursula Pütz, haben einzelne Charaktere einen zusätzlichen Symbolgehalt.

Ein Beispiel ist der in vielen Krippen vorkommende Schornsteinfeger. „Er ist quasi von Berufs wegen ein Sinnbild für den Übergang vom irdischen zum himmlischen Dasein.“ Ebenfalls beliebt: der „Brotbringer“ mit einem landestypischen Spitzzopf, dem Striezel, im Gepäck oder einem Satz Semmeln im Korb. Brot war eben nicht nur Hauptnahrungsmittel des einfachen Volkes, sondern auch ein Verweis auf Jesus Christus als das „Brot des Lebens“.

Besondere Einblicke in die Freizeitgestaltung des gehobeneren Bürgertums bieten die zahlreichen Musikanten, die sich auf dem Weg zur Geburtsstätte machen: Leierkästenmänner, Harfen- und Cellospieler sind da zu erkennen. Aber auch manches inzwischen fast in Vergessenheit geratene Instrument wie die Schalmei. Die Tierwelt ist ebenfalls in vielerlei Gestalt vertreten: Vom unvermeidlichen Ochs und Esel reicht das Spektrum über Hirsche, Ziegen und Lämmer bis hin zu Storchenvögeln oder Bären.

„Es ist nicht zuletzt diese Vielfalt, die die Krippenberge aus kulturhistorischer Sicht so bedeutsam macht“, erklärt Ursula Pütz. Die Anfänge des böhmischen Krippenhandwerks reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. In der Prager Sankt-Clemens-Kirche sollen Jesuiten 1562 die erste Weihnachtskrippe aufgestellt haben. Im Zeitalter der Gegenreformation nutzen die Ordensleute die bildhaften Darstellungen, um den Protestantismus zurückzudrängen und den katholischen Glauben wieder im Bewusstsein des Volkes zu verankern.

Gut 200 Jahre lang wurden die Krippen zumeist in Kirchen, Schulen oder auf Prozessionen präsentiert, bis Kaiser Joseph II. (1741-1790) in seiner Eigenschaft als König von Böhmen per Dekret dem Brauchtum ein Ende setzte. Mit seinen religionspolitischen Reformen wollte der Monarch das Glaubensmonopol der katholischen Kirche brechen und verbot in diesem Zusammenhang unter anderem die Aufstellung von Krippen an öffentlichen Plätzen. 

In der Folge verlagerte sich der Brauch ins Private – was zugleich eine erhöhte Nachfrage mit sich brachte. Damit schlug die Stunde der Laienhandwerker und Improvisationsgenies, wie der tschechische Heimatforscher Vladimir Vaclik schreibt. Denn längst nicht alle Haushalte konnten sich professionelle Schnitzkunst leisten. Und längst nicht alle Produzenten hatten unbegrenzten Zugriff auf den klassischen Werkstoff Holz.

Aus diesem Grund sind im Paderborner Diözesanmuseum die verschiedensten Materialien vertreten. Aus Papier und Pappmaché, aber auch aus Ton oder Wachs formten die anonymen Heimwerker – bisweilen über Jahre hinweg – ihre Figuren samt den terassenförmigen Aufbauten, die an die markanten Gebirgszüge an Böhmens Grenzen wie Böhmerwald, Erzgebirge, Sudetenland oder die Böhmisch-mährische Höhe erinnern.

Das wohl bedeutendste Zentrum der Schnitzkunst lag in der Gegend um den Ort Kraliky/Grulich nahe der tschechisch-polnischen Grenze. Dort waren zeitweilig über 30 Gemeinden mit der Herstellung der Figuren beschäftigt. Manche Familien hatten sich dabei auf die Massenherstellung eines bestimmten Figurentyps spezialisiert. Als „echte Erzgebirgsware“ fanden die Erzeugnisse dann über einen Exporteur in Teplice/Teplitz-Schönau Verbreitung bis ins ferne Amerika. Eine andere Firma vertrieb die Produkte unter der Bezeichnung „echte Wiener Krippen“ nach Süd-
europa. Vielleicht eine Erklärung dafür, warum die Südtiroler Grödnerfiguren eine oft frappierende Ähnlichkeit mit den böhmischen Darstellungen aufweisen.

„Heute ist Kraliky ein schönes Städtchen, aber die Tradition der Krippenbauer ist erloschen“, sagt Sammler Karl Heinz Klebe. Was Joseph II. mit seinen Reformen nicht schaffte, erledigten die Wirren des Zweiten Weltkriegs sowie die nachfolgende Ära des Sozialismus. Der letzte Schnitzer des „Grulicher Ländchens“ starb im Jahr 1985 – seitdem ist mit neuen Figuren aus Kraliky wohl nicht mehr zu rechnen. 

Dafür steigen die Preise für die noch vorhandenen Originale. Bis zu 6000 Euro zahlen Liebhaber für die oft arg ramponierten Krippendarstellungen, weiß Klebe. Trotzdem reicht der Kreis der Krippenfreunde über die böhmischen Landesgrenzen kaum hinaus. „Wir sind da schon so etwas wie Außenseiter“, sagt Klebe.

Zusammen mit seiner Frau Friederike hat der Sammler aus Norddeutschland die wohl bedeutendste Sammlung von „Böhmischen Krippenbergen“ zusammengetragen, die nun zu Teilen in Paderborn zu sehen ist. Fündig wurden der evangelische Theologe und die Lehrerin vor allem in den Jahren nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ auf Floh- und Antikmärkten in der damaligen Tschechoslowakei. „Da war das Angebot Anfang der 1990er Jahre eigentlich ziemlich gut“, erinnert sich Klebe. Die Sammelleidenschaft des Ehepaars ist auch knapp 20 Jahre später nicht erloschen. „Aber man wird schon etwas wählerischer“, räumt Klebe ein und schmunzelt. Warum das so ist, dafür genügt ein Blick auf das älteste Objekt der Ausstellung: eine prächtige, drei Meter breite und mit Pflanzenfarben bemalte Eichenholzkrippe aus dem Jahr 1860.


19.05.2012
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